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Alt Erlenbach 17
60437 Frankfurt

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Eine Liebeserklärung an Buchhändler*innen

In Buchhandlungen sind alle Menschen von Texten um die gleiche Armlänge weit entfernt. Diese Besonderheit der Branche egalisiert so manche Unterschiede, wie die zwischen Angestellten und Inhabern oder die zwischen Kunden und Personal. Genau das macht Buchhandlungen zu einem gesellschaftlichen und politisch bedeutenden, zu einem genuin demokratischen Ort, an dem Buchhändler*innen kulturellen Content anbieten. >> Mehr Infos

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Die fünfte Auflage der modernen Sortimentskunde, die im Titelzusatz zu Recht als ›Handbuch des Buchhandels‹ bezeichnet wird, bringt Struktur in die komplexen Zusammenhänge der Branche. Rundum erneuert, vor allem in den Kapiteln, die sich mit dem digitalen Berufsumfeld unserer Branche beschäftigen (Multi-Channeling, Webshop, VLB-TIX etc.), kommt sie frisch daher und macht Spaß beim Lesen, Lernen und Auffrischen bekannter Inhalte. >> Mehr Infos

 

 

»Der Handel mit Geistesprodukten wird immer ein Mittelding zwischen deinem persönlichen Geschmack und deiner Leidenschaft einerseits und dem Gefühl für eine gute Konjunktur andererseits sein.«
Ernst Rowohlt

Pete Cremer's Corner

Rezensionen und Kommentare aus der Eifel

Hier erscheinen ab Januar 2020 in loser Reihenfolge Rezensionen und Kommentare zu aktuellen Titeln aus Sachbuch und Belletristik.

Die Ausführungen spiegeln nicht in allen Einzelheiten die Auffassung des Verlags wider, werden jedoch gerne einer Online-Community zur Verfügung gestellt. Die Rechte liegen beim Autor, Peter Cremer.

11 || J. Schimmang: Mein Ostende

Foto: Peter Cremer

Jochen Schimmang

Mein Ostende

Mare Verlag

 

… und dann wird gemeldet, dass die 20. Lit.Cologne abgesagt ist. Ganz Italien und auch ganz Spanien sind zu Sperrzonen erklärt worden. Österreich schließt seine Grenze nach Italien. Tschechien macht dicht, Polen und Dänemark auch. Europa in Quarantäne. Ist Belgien noch offen? Kann man da noch hin? Auch wenn das Auto ein Kennzeichen hat, das den Fahrer als Menschen ausweist, der aus NRW (einem Corona-Risikogebiet) anreist? Was für Zeiten! Oder sollte ich mir derlei Gedanken gar nicht machen? Stattdessen zum Bücherregal gehen und nach einem Text greifen, der mir eine Reise im Kopf ermöglicht? So ganz ohne darüber nachdenken zu müssen, ob irgendwelche Viren meine Reise verkomplizieren könnten.

Ob ich die belgische Küste besuchen soll? Möglicherweise Ostende? Zusammen mit Jürgen Becker, mit Volker Weidermann oder womöglich mit Jochen Schimmang? Ich beschließe, dass Jochen Schimmang mein Begleiter, mein Reiseführer, mein Stadtführer werden soll und nehme das schmale Bändchen zur Hand, das soeben im Mare Verlag erschienen ist.

Und beim Lesen erfahre ich ALLES über Ostende. Wie das Land dem Meer abgetrotzt wurde, wie erste Siedlungen entstanden sind, wie und wann welche Bewohner dem einst mondänen Seebad ihren Stempel aufdrückten. Davon, wie die Pest wütete, für welche Könige, Politiker und Künstler Denkmäler errichtet wurden, wie Kriege, vor allem die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, das Gesicht der Stadt für immer verändert haben, aber auch, welche Auswirkungen das Ende des Fährbetriebs nach England hatte.

Zusammen mit Jochen Schimmang schlendere ich über Promenaden und durch Geschäftsstraßen, kehre mit ihm ein zum Essen, zu Kaffee und Gebäck, schaue mit dem Erzähler aufs Meer. Immer muss er auf das Meer schauen, sehn-süchtig der Urgewalt des Wassers entgegenträumen, allein auch schon deshalb, damit er die architektonischen Sünden des eher schmucklos missglückten Wiederaufbaus der Stadt nach dem 2. Weltkrieg nicht ständig vor Augen hat. Denn eines ist Ostende ganz besonders: hässlich.

Die 'reine des plages', die Ostende noch bis in die 30iger Jahre des letzten Jahrhunderts war, ist für immer untergegangen im Bombenhagel. Solange Ostende „im königlichen, aristokratischen und großbürgerlichen Glanz erstrahlte, solange die prachtvolle Flucht der Hotelfassaden und des Kurhauses an der Promenade und die schönen Häuser im Stadtinneren noch ein Ensemble bildeten, solange jährlich zur Sommersaison die Schönen und Reichen von der Stadt Besitz nahmen, war es hier sicher nicht möglich, sich zu verstecken, weil das mondäne Seebad eben das genaue Gegenteil verlangte: den großen Auftritt. Mit der Verhässlichung der Stadt durch den Krieg und die Bautätigkeit in der Zeit danach änderte sich das radikal.“ (S.138 f.) Und doch: Von Köln mit dem Zug anreisend (früher noch ohne lästiges Umsteigen in Brüssel) wird Ostende Schimmang zum idealen Zufluchtsort seiner kleinen Fluchten. (S.138)  Denn die Stadt ist ihm ein transitorischer Ort, eine Grenzregion, in der Land, Meer und Himmel eins werden. Ein idealer Ort, um sich der eigenen Nachdenklichkeit auszuliefern.

Der Leser nimmt teil an Schimmangs Gedankenfluchten. Und so erfahren wir von den Verbrechen des königlichen Monsters Leopold II., der Geburt des belgischen Dokumentarfilms durch Henri Storck, Marvin Gayes Tagen in Ostende und Simenons Küstengeschichten, der Beschreibung der Bade-Kultur durch die Jahrhunderte … all das (und noch viel mehr) findet Platz im Reise-Memoir des inzwischen in Oldenburg lebenden Jochen Schimmang. Und so ganz nebenbei liefert er auch noch eine Art Exposé für einen Ostende-Kriminalroman ab (‚Phantasien im Gläsernen Bunker‘). Gregor Korff heißt der Protagonist, den Schimmang-Leser schon seit geraumer Zeit kennen. Der Rezensent wünscht sich jedenfalls sehr, bald einen vollständigen Korff-Ostende-Roman zu lesen. Ganz bestimmt ein großes Lesevergnügen!

In „Mein Ostende“ beweist Jochen Schimmang (wieder einmal) aufs Neue, dass er ein Meister der präzis-lakonischen Beschreibung, der anteilnehmenden Zurückhaltung und einer meisterhaft ausgebildeten Sprachkunst ist. Seinen Text zu lesen, das ist ein 141seitiger Hochgenuss. Zwei kurze Kostproben zum Schluss mögen dies belegen:

Niemand, der bei ästhetischem Verstand ist, könnte das heutige Ostende als eine rundum schöne Stadt bezeichnen.“ (S.18)

Über Georges Simenon schreibt er: „Immer liefert er eine dichte Beschreibung, der man anmerkt, dass er nicht aus Angelesenem, sondern aus eigenen Beobachtungen und Erfahrungen schöpft. Die Wirklichkeit beginnt zu leuchten.“ (S.73)

Das gilt auch für Schimmangs Text: Er leuchtet!

 

 

ISBN 978-3-86648-298-2

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© Peter Cremer / März 2020

10 || D. de Vigan: Dankbarkeiten

Foto: Peter Cremer

Delphine de Vigan

Dankbarkeiten

DuMont Literaturverlag

 

Wie will ich leben? Wie lebe ich? Wie muss ich leben? - Wenig mehr als 160 Seiten genügen Delphine de Vigan, die elementaren Fragen unserer Existenz zu beantworten. Und dazu braucht es nur 3 Personen: Michèle Seld, genannt Michka, Marie und Jérôme.

Michka, die alte Dame, die immer mehr Wörter verliert und von einem Tag auf den anderen nicht mehr allein in ihrer Wohnung leben kann. Die junge Farbige Marie, seit kurzem ungewollt schwanger, betreut Michka schon seit geraumer Zeit und verschafft ihr einen Platz im Seniorenheim. Jérôme, der Logopäde, der zweimal in der Woche versucht, Michkas langsames Verdämmern und das Verschwinden der Wörter zu lindern.

Michka wird am Ende des Romans nicht mehr leben. Das erfährt der Leser schon auf der zweiten Seite: „Heute ist die alte Dame, die ich liebte, gestorben.“ (S.12) Marie ist es, die die Geschichte Michkas erinnert, die Geschichte, die von den letzten Wünschen einer alten Frau erzählt, die Geschichte einer vollständigen Entwurzelung, die Geschichte eines ‚endgültigen Ankerlichtens‘. (S.28) Maries Memoir ist ein langer Dankesbrief an die Frau, ohne die sie selbst vielleicht nicht mehr am Leben wäre (S.12), die ihr doch schon so oft geholfen hat, die sie gerade erst davon abbringen konnte, ihr Kind abzutreiben.

Michka lebt nun im Seniorenheim, hat oft Angst, kann sich nur noch unter größten Mühen bewegen, vergisst und vertauscht Wörter. Aphasie heißt ihre Krankheit. Das erklärt ihr Jérôme. Der außerdem zu ihr sagt: Das kriegen wir nicht gestoppt, aber auf jeden Fall verlangsamt. Kein Problem, Madame Seld. - Doch Michka weiß: Auch wenn sie sich Mühe gibt, nach den richtigen Wörtern sucht, alle Übungen macht - ihr Verschwinden, ihre Auflösung schreiten unaufhaltsam voran.

Manchmal erinnert sie sich an ihre Kinderzeit. Wie sie aufgewachsen ist in dieser französischen Familie. Ohne Mutter. Ohne Vater. Die waren verschwunden. Und wie sie später von der Tante aus Polen mitgenommen wurde. Ob ihre Beschützer aus der Kriegszeit wohl noch leben? Marie wird beauftragt, nach ihnen zu suchen. Jérôme wird sie finden. Aber das ist eine andere Geschichte … Und auch die erzählt de Vigan in diesem schmalen Roman.

Zuviel Stoff für so wenige Seiten? Weit gefehlt! Mitgefühl, Zuneigung, Dankbarkeit, Erinnerung, Schuld, Vergessen, darum geht es. Und dabei gelingen der Autorin Beschreibungen wie „… doch heute weiß sie, dass sie es zum letzten Mal tut. Sie besteht darauf, selbst abzuschließen. Sie weiß, dass sie nicht zurückkehren wird. Sie wird all diese Handgriffe nie mehr verrichten, die sie Hunderte Male wiederholt hat, den Fernseher einschalten, den Bettüberwurf glatt streichen, die Bratpfanne spülen, die Rollos wegen der Sonne herunterziehen, ihren Morgenmantel an den Kleiderhaken im Badezimmer hängen oder auf die Sofakissen klopfen, damit sie wieder eine Form annehmen, die sie längst verloren haben.“ (S.28)

Wir lesen ein todtrauriges, lebensfrohes Buch über das, was uns allen am Ende unseres Lebens bevorsteht. Keiner, der de Vigans Buch liest, ist gerettet, aber er ist vorbereitet. Auswege gibt es nicht.

Aber vielleicht haben ja auch wir noch Zeit, mit Jacques Brel einen Walzer im Hundertvierteltakt zu tanzen … Une valse à cent temps … (S.153), wenn es soweit sein wird.

Der Verlag schreibt auf der U4: „Ein zärtliches Buch über Menschlichkeit“ - stimmt!

 

 

ISBN 978-3-8321-8112-3

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© Peter Cremer / März 2020

9 || H. Schertenleib: Palast der Stille

Foto: Peter Cremer

Hansjörg Schertenleib

Palast der Stille

Gatsby / Kampa

 

… und wenn ich denn eine Hymne auf Hansjörg Schertenleib schriebe, sie müsste beginnen mit den Worten: Welt, lies dieses Buch – und du wirst gerettet sein. Schon die Widmungsseiten lassen es ahnen. T. S. Elliot wird zitiert, Brigitte (love, life, wife) gehört eine ganze Seite, am Ende entlässt uns Thoreau aus der Erzählung. Und ganz zum Schluss werden die ‚Komplizen‘ aufgelistet: Gregg Allman am Anfang, Jack Kerouac in der Mitte, Frank Zappa zum Schluss.

Der Stille gilt es, einen Palast zu bauen, im schneereichen Winter in Maine, in einem Reigen von (meist wohl biografischen) Geschichten. Während der Erzähler auf dem Weg zu jener Kiefer ist, von der aus er einen unvergleichlichen Blick auf die Bucht werfen kann, die der Atlantik geformt hat. „Kiefern sind die besten Übersetzer des Windes.“ (S.168) Kind sein und Jugendjahre, der keine Bücher lesende Vater, die Schriftsetzerlehre, die Zeit des Protests, der Umzug nach Irland, Weiterziehen nach Maine, ins Holzhaus, ins Cottage mit 57 Quadratmetern, die Frau, die Katze, die Vögel, die Bäume, der Wald, der Schnee, die Ruhe, die Stille.

Schertenleib bilanziert sein Leben in Form einer langen Meditation, erzählt von sich und Freunden, von Menschen, die seinen Weg kreuzten, von Gegenständen und Ereignissen, die ihn zu dem machten, der er heute ist. Der Holztisch, an dem er schreibt, der Stuhl, auf dem er sitzt, der Plattenspieler, der alte Singles klingen lässt … Im Palast der Stille hat jedes Ding seine ureigene Geschichte. Und alles alles alles will erzählt werden. Mal vom namenlosen Ich-Erzähler, mal vom neutralen Erzähler, der ihn beschreibt, wie er ein Ding in die Hand nimmt. Schertenleibs Sprache zu lesen, ist ein Hochgenuss. Sein Schwelgen in Metaphern, Bildern, Symbolen. Der beständige Wechsel zwischen nature writing, krassestem Realismus und romantischer Überhöhung. Und das alles auf nur 170 Seiten.

Was für ein wunderlich wunderbares Buch, welch schwere Leichtigkeit, kluge Naivität und wissende Ahnungslosigkeit. Ein Buch vom Innehalten und zugleich vom Aufbruch. „Früher ist mir die Zukunft als zauberhaft und als rätselhaft offen erschienen, als Verheißung und Abenteuer. Heute ahne ich: Die Zukunft bedeutet Tod, unweigerlich.“ (S.153) Schertenleib war „bereit, erneut ein anderer zu werden.“ (S.16) – Und dabei dürfen wir ihn lesend begleiten.

Deshalb, lieber Hansjörg Schertenleib, meine Hymne auf dich und dein Schreiben, auf ein literarisches Kleinod mit dem Titel Palast der Stille.

 

ISBN 978-3-311-21013-9

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© Peter Cremer / März 2020

8 || J. Coe: Middle England

Foto: Peter Cremer

Jonathan Coe

Middle England

Folio Verlag

 

Coes zweiter Roman bei FOLIO: ein Volltreffer! Witzig, zynisch, böse, entlarvend. - Der Roman zum Brexit-Drama. - Eine sarkastische britische Gesellschaftskomödie, die ganz beiläufig auch eine Sozialstudie der Silver Generation der heute knapp 60 Jahre alten Briten ist. Und auch eine Geschichte gescheiterter Multi-Kulti-Anstrengungen. Eine Satire auf den Literatur- und Elite-Universitätsbetrieb. Ein Insider-Roman in Sachen Tory-Labour-Dichotomie. Ein Roman geplatzter Lebensträume und gescheiterter Gesellschaftsentwürfe. Ein Zeitroman, der weit über seine erzählte Zeit hinausweist.

Verpackt in Erzählungen um die Familie Trotter, die im Brennglas eines sterbenden Mittelklasse-Mikrokosmos den British Way of Life in seiner ganzen tragikomischen Dimension vorführt. Und damit Deutungsmöglichkeiten für den Niedergang des einst so stolzen Königreiches aufzeigt. Ein Roman über die ‚englische Krankheit‘, die Benjamin Trotter (Literat, ehemaliger Mühlenbesitzer und schließlich provenzalischer Schreibschulmagister) am Ende in zwei Worte fasst: FUCK BREXIT! (463)

Doch bis ihm diese Erkenntnis dämmert, begleiten wir ihn, seine Familie, seine Schulfreunde und -freundinnen und einige der meistgehassten englischen Politiker (von David Cameron bis Boris Johnson) durch zahlreiche Irrungen und Wirrungen, die als Vorlage für ein vortreffliches Drehbuch gleich mehrerer Monty-Python-Filme dienen könnten (unbedingt mit John Cleese in der Rolle des Benjamin Trotter!).

Nur eine einzige Episode soll hier nacherzählt werden, stellvertretend für unzählige andere. Allesamt echte Glanzstücke britisch-literarischer Hoch-Komik. - Benjamin trifft ganz zufällig eine seiner wenigen ehemaligen Freundinnen. Mit Jennifer hatte er vor fast vierzig Jahren eine flüchtige Beziehung, die seinerzeit ebenso sang- wie klanglos endete. Nun werden sie jedoch erneut ein Liebespaar. Wobei sich das mit der Liebe als ganz schön schwierig herausstellt. Vielleicht könnte ein wenig Viagra helfen, meint Jennifer. Doch Benjamin hat eine andere Idee. Wie einst, eingeschlossen in einem Einbauschrank, möchte er zu alter Manneskraft zurück finden. Die beiden versuchen es, und Jennifer ist sehr erstaunt über die enorme Beschaffenheit von Benjamins Männlichkeit. Die Enge im Schrank führt jedoch zu völlig anderen Muskelkontraktionen als gewünscht, wobei außerdem eine große Wachskerze die Liebesbekundungen erfährt, die Benjamin entgehen. Weshalb er sich schließlich nicht länger wundern muss, dass sich nicht die gewünschten Ereignisse in den geheimen Regionen seines Unterleibs einstellen, sondern äußerst schmerzhafte Unterschenkelkrämpfe die Paarungszeremonie vorzeitig enden lassen. - Coe gelingt eine der wohl komischsten Beischlafszenen der (modernen) Literatur. Very british!

Telegraph und Guardian bringen es auf den Punkt: „Ein beeindruckender und herrlich komischer Roman. Brillant!“ Und dass Coe ganz nebenbei auch noch der seit den 70iger Jahren dauerhaft unterschätzten Prog-Rock-Gruppe ‚Hatfield and the North‘ (um den genialen Bassisten und Sänger Richard Sinclair) ein Denkmal setzt, freut den Rezensenten ungemein. Die Platten der Band (ganz besonders The Rotters Club) sind gleichsam der Soundtrack zum Roman.

Also: Coe - unbedingt lesen; Hatfield and the North - unbedingt hören!

 

ISBN 978-3-85256-801-0

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© Peter Cremer / März 2020

7 || M. Kumpfmüller: Ach, Virginia || K. Modick: Leonard Cohen

Foto: Peter Cremer

Michael Kumpfmüller

Ach, Virginia

Kiepenheuer & Witsch

 

Klaus Modick

Leonard Cohen

Kiepenheuer & Witsch

 

Lieber T.,

du hattest nachgefragt, ob ich Kumpfmüllers neuen Roman schon gelesen hätte. Du selbst seiest ja kein ausgewiesener Kenner der Texte von Virginia Woolf und deshalb an meiner Meinung interessiert. – Ich habe dir gleich gesagt, dass Virginia Woolf auch für mich eher terra incognita sei, mir aber die Aufmachung des Buches (Schutzumschlag und Vorsatzpapiere) recht gut gefielen und zudem Kumpfmüllers Kafka-Roman seinerzeit ja ein ganz außergewöhnlich guter Roman gewesen sei. Deshalb würde ich „Ach, Virginia“ sicherlich bald zur Hand nehmen …

… und das habe ich dann auch in die Tat umgesetzt. Und bin zwiegespalten. Ach, Michael Kumpfmüller. Dass er schreiben kann, dass er viel recherchiert haben muss und sich mit großer Teilnahme in die Gedankenwelt der kranken und todessüchtigen Virginia eingeschrieben hat: kein Zweifel! Und doch hätte ich „Ach, Virginia“ – wäre der Roman noch länger gewesen – wohl nicht bis zum Ende gelesen. Soviel Redundanz, soviel spekulative Innenschau, soviel Aussichtslosigkeit, und all das beim allseits bekannten Schlusspunkt. Dass ich dann aber doch drangeblieben bin und was mich nun doch im Nachhinein mit so mancher Länge wieder versöhnt, das ist der Umstand, dass Kumpfmüller schließlich doch aus dem formalen Gefängnis, Virginias Selbstmord zu erzählen, ausbricht und den Roman zum Denkmal für Leonard Woolf werden lässt.

Immer war der so ganz im Schatten der großen und berühmten Virginia lebende Leonard Teil der todtraurigen (Kranken-)Geschichte. Im Schlusskapitel ist er es dann, der die Regie übernimmt und aller Wehmut trotzt. Kumpfmüller gelingt da ein zutiefst versöhnliches Ende: „Alles in Ordnung bei dir? Ja, alles in bester Ordnung. … und eben das, so scheint ihm, ist das Glück. Man wartet, dass der andere ins Bett kommt, und tatsächlich kommt sie jetzt, und allein dafür hat es sich doch schon gelohnt, dass man überlebt hat.“ (S. 236) So Leonard zu seiner späten Liebe Trekkie.

Virginia Woolf hat sich das Leben genommen. Leornard Woolf überlebt. Und in der Erzählung ihrer beider Sehnen ist Kumpfmüller ein Roman über das Leben gelungen. Deshalb nun doch meine Leseempfehlung, besonders auch für Nicht-Kenner des Werkes von Virginia Woolf.

Und wie passt das jetzt zu Klaus Modicks Geschichte um Leonard Cohen?

Nun, um die Wahrheit zu sagen: gar nicht! Auch die Gleichheit des Vornamens der männlichen Protagonisten beider Bücher kann da keine Brücke bauen. Wobei: Bei Modick ist Leonard Cohen eigentlich kein Protagonist, sondern eher Impulsgeber, gleichsam Geburtshelfer für die zweigeteilte Erzählung um den jungen Lukas. Nach der Schwere von Kumpfmüllers Roman hatte ich Lust auf etwas Leichtes. Und auf etwas Kurzes dazu. Und weil ich die vertonten Gedichte Cohens mag und Modicks zuletzt erschienene Romane ebenfalls sehr geschätzt habe, habe ich also zum schmalen Bändchen aus der KIWI-Musikbibliothek gegriffen … und wurde von der ersten Seite an regelrecht in meine eigene Vergangenheit zurück- und hineinkatapultiert. Beatles, Stones, Kinks, Simon & Garfunkel. Pubertät und Abi-Stress. Gitarrengeklampfe. Feuchte Träume. Radiohören. Das Licht des Magischen Auges neben der Senderskala des alten Röhrenradios. Beomünster. Hilversum. AFN, BFBS. Als wäre das alles erst gestern gewesen. Und dann dieser Song von Leonard Cohen: Suzanne.

Klaus Modick ist gerade einmal vier Jahre älter als ich. Und er schreibt den perfekten Soundtrack meiner Jugend. In seinem nahezu makellosen Stil. Mit soviel Witz und Empfindsamkeit, dass es mich fast schmerzt. Ich jage ganz aufgeregt durch das schmale Buch: Disko-Abend, Norderney, Autoput, Griechenland, Mädchen, Frauen, Mädchen, das erste ungelenke Geknutsche, die Musik … und über und in allem: Leonard Cohen!

 

ISBN 978-3-462-04921-3 (Kumpfmüller)
ISBN 978-3-462-05380-7 (Modick)

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© Peter Cremer / Februar 2020

6 || A. Tuomainen: Klein Sibirien

Foto: Peter Cremer

Antti Tuomainen

Klein Sibirien

Rowohlt

 

Dunkelheit, verschneite Straßen, heftiger Wind. Menschen, Tiere, Autos: Fehlanzeige. Nur Tarvainen ist unterwegs, ehemaliger Profi-Rennfahrer, FAHREN ODER STERBEN lautet sein Mantra, immer schneller, die Tachonadel erklimmt nie dagewesene Höhen, weit hinten: die Felswand. Ob er den Aufprall überleben wird, immer schneller, und dann: rasender Stillstand. Ein riesiges Loch im Autodach, der Beifahrersitz zerfetzt, der Wagenboden zertrümmert. Lebendig und stockbesoffen rennt Tarvainen los.

SCHNITT

Joel vor der Tür seines Hauses. Er ist Pfarrer in Hurmevaara. Seit er in Afghanistan auf eine Mine getreten ist: zeugungsunfähig. Er muss mit Krista darüber sprechen. Die sich so sehr ein Kind wünscht. Wie kann er ihr die traurige Wahrheit beibringen? Wird sie ihn verlassen, wenn … Krista erwartet ihn schon. Steht in der Küche. Muss ihm unbedingt die große Neuigkeit mitteilen. Ihre Worte schlagen bei Joel ein wie eine Bombe: „Ich bin schwanger.“

SCHNITT

Finnland. Winter. Eisige Kälte. Schnee. Nacht. Wald. Sturm. Wortkarge Menschen.

SCHNITT

Nein, kein Nordlanddrama und auch kein bluttriefender Skandinavienkrimi. Sondern nach Die letzten Meter bis zum Friedhof und Palm Beach, Finland ist Klein-Sibirien der dritte Streich des genialen Antti Tuomainen: grotesk, temporeich, schwarzhumorig, menschlich … finnisch eben.

SCHNITT

Die Liste der lobenden Testimonials auf der Innenklappe ist lang. Einer der Hinweise macht mich stutzig, darin werden die Coen-Brüder erwähnt. – Wusste ich’s doch: Tuomainen ist der bisher verschwiegene dritte Bruder von Ethan und Joel Coen. Alle drei haben den gleichen Gen-Pool. Fink-Fargo-Lebowski-Zellstruktur.

SCHNITT

Dabei soll nicht verschwiegen werden: Von den bisher drei bei Rowohlt veröffentlichten Romanen ist Klein-Sibirien womöglich der am wenigsten spektakuläre. Zwar zeichnet sich das Personal erneut durch höchste Skurrilität aus, überschlagen sich mitunter die Ereignisse, sind die Verfolgungsjagden schier endlos, fließt der Schnaps zeitweise in Strömen, doch …

SCHNITT

Was ist nur los mit Jokinen, dem Lebensmittelhändler, mit Turunmaa, dem Kartoffel- und Steckrübenbauern, mit Räystäinen, dem Betreiber des örtlichen Fitnessstudios, die zusammen mit Joel den Wachdienst im kleinen Militärmuseum des 1200-Seelen-Dorfes versehen, seitdem dort der Meteorit verwahrt wird, der Tarvainens Selbstmordfahrt so jäh unterbrochen hat? Und was hat es mit den beiden Russen Grigori und Leonid auf sich, denen Karoliina vom Golden Moon Light Club schöne Augen macht? Soviel darf verraten werden: Es geht um „Gier, Mord und Tod“. (S. 319) Und natürlich um einen Schatz aus dem All, der mindestens 1 Million wert ist. – Die Jagd ist eröffnet, in Hurmevaara, also in Klein-Sibirien.

 

ISBN 978-3-498-00126-1

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© Peter Cremer / Februar 2020

5 || B. Bjerg: Serpentinen

Foto: Peter Cremer

Bov Bjerg

Serpentinen

Claassen

 

Schwieriger Einstieg. Drei Versuche. Normalerweise bin ich nicht so geduldig. Es gibt ja so viele andere Bücher, die gelesen werden wollen. Aber Auerhaus hat mich seinerzeit so sehr fasziniert, dass ich beim Nachfolger nicht gleich aufgeben will. Also: Hab‘ Geduld, Leser.

So nach und nach verstehe ich. Eine Reise, Vater und Sohn, Orte der Vergangenheit, Familiengeschichte, Gedanken- und Handlungssplitter. Das Ziel: Die Gegenwart verstehen, die Fehler der Vergangenheit nicht ein weiteres Mal wiederholen.

Kurvenreicher Erkenntnisweg. Serpentinen. Das dauert seine Zeit.

Viel Dialog. Kurze Beschreibungen. Parataxe. Fast schmucklos. Deshalb eindringlich. Das bleibt im Kopf. Der Roman wird zu einer langen Reiseerzählung ins Ich. Schonungslos. Erschreckend. Voller Gewalt. Verletzungen und Tod allgegenwärtig. Fast ein Mord. Ganz selten: heitere Momente.

Eine eindringliche Lektüre. Ein Roman, den ich mir erkämpfen muss. Anstrengend: ja. Die Lektüre: ein Bergaufstieg. Man gerät aus der Puste. Aber oben angekommen, ist der Ausblick phantastisch.

Ein Satz, den ich besonders mag: „Ich wusste immer bereits alles, doch ich vergaß es immer wieder neu.“ (S.255)

Bov Bjerg nimmt seine Leser mit auf eine sehr besondere Reise. Mitreisen lohnt sich.

 

ISBN 978-3-546-10003-8

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© Peter Cremer / Februar 2020

4 || S. Berg: GRM

Foto: Peter Cremer

Sibylle Berg

GRM

Kiepenheuer & Witsch

 

I.

Fragt M: Schon mal was von Sibylle Berg gelesen?

Sagt P: Das ist doch diese zerbrechlich schmale Frau mit den großen Augen, die so leise und eindringlich, scheinbar nach innen gewandt, provoziert? Hat die nicht erst letztens im Literarischen Quartett Norbert Scheuers schönen Roman Winterbienen in Grund und Boden kritisiert?

Fragt M: Was hat denn das mit meiner Frage zu tun?

Sagt P: Nix. Fiel mir nur so ein. Nee. Nie was von der gelesen. Die ist mir zu klug. Zu unheimlich. Weiß auch nicht.

Sagt M: Ist ein Fehler. Lies mal GRM.

Fragt P: Dieses Teil, das im Untertitel Brainfuck heißt? Und das den Schweizer Buchpreis 2019 bekommen hat? Nee. Keine Lust.

II.

Dann im Januar auf 3sat der Literaturclub des Schweizer Fernsehens. In dem Elke Heidenreich (sinngemäß) sagte, sie mag solche Bücher eher nicht. Aber dass sie sehr froh darüber ist, Bergs Buch nun doch für die Sendung gelesen zu haben. Das sei wie eine Granate gewesen, die sie verschluckt habe und die dann in ihr explodiert sei. Ein Ziegelstein, sagt Milo Rau in derselben Sendung. Und Nicola Steiner pflichtet ihm bei: Definitiv ein Buch, das bleiben wird. Eines, das unsere Zeit erzählt. Und dann liest der Schauspieler Thomas Sarbacher ein kurzes Stück ausdem Anfang. Ich halte den Atem an. Mein Gott! Das muss ich lesen!

III.

Der Ziegelstein liegt auf meinem Schreibtisch. 635 Seiten. Schon in der 7. Auflage. Und dabei ist das Buch noch nicht einmal ein Jahr auf dem Markt. Ich bin spät dran mit meiner Lesearbeit. Doch besser spät als nie. Und ich lese tatsächlich einen Roman, der wie eine Bombe ist. Lesen führt zu Explosionen. Im Kopf. Da hilft kein Kampfmittelräumdienst. Da muss man durch. Das ist nicht schön. Das schmerzt. Das ist wahr. Das tröstet nicht. Das ist die Welt. Unsere Welt. Und Sibylle Berg schreibt sie. Gnadenlos. Gut. Niemals zynisch, wie Elke Heidenreich meinte, aber sarkastisch. Ja, ich gestehe es gern: Gelacht habe ich auch. Oft. So ist das mit dem Grotesken. Man lacht. Aber das Lachen droht einem im Hals stecken
zu bleiben.

IV.

„Fucking Rochdale. Ein Ort, den man ausstopfen und als Warnung vor unmotivierter Bautätigkeit in ein Museum stellen müsste.“ (S.8) „Tod. Ein Zustand wie vor der Geburt.“ (S.87) „Entscheidungen sind die Illusion, Macht zu haben.“ (S.105) „Ein Reality-Star war Präsident in Amerika geworden.“ (S.184) „Sterbehilfe war verboten … Von Morgen an biss die alte Frau ihre Kiefer, Zähne waren da keine mehr.“ (S.186) Die Geschichte von Hannah, Peter, Karen und Don. Willkommen in der Welt von GRM. 

 

ISBN 978-3-85256-769-3

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© Peter Cremer / Januar 2020

3 || M. Brandt: Blackbird || J. Brandt: Ein Haus auf dem Land

Foto: Peter Cremer

Matthias Brandt 

Blackbird

Kiepenheuer & Witsch

 

Jan Brandt

Ein Haus auf dem Land – Eine Wohnung in der Stadt

Dumont Literaturverlag

 

Matthias und Jan: nicht verwandt, nicht verschwägert oder sonstwie verbunden! Nur der Nachname gemeinsam. Und: 2 Neuerscheinungen im Sommer 2019. Eigentlich 3. Aber dazu später. Romane, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide großartig. Obwohl …

Die elitäre Literaturkritik ist da a priori (vielleicht ohne genauer gelesen zu haben, wer weiß?) dezidiert anderer Meinung. So schreibt etwa Sigrid Löffler im Börsenblatt (24-2019): „Der Populismus hat das Buchgeschäft erreicht. Ich glaube, dass diese Käuferstudie (gemeint: Quo vadis, 2018) den Verlagen in die Knochen gefahren ist. Und sie jetzt panisch versuchen, irgendwelche Strategien zu entwickeln, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Buch zu lenken; das tun sie nicht mit literarischen Mitteln … das taktische Kalkül ist erkennbar, man will schmarotzen bei der literaturfernen Prominenz.“ Der FAZ-Literaturredakteur Jan (!) Wiele meint: „Die Verlage sollten sich schämen.“ Der Kölner Literurhändler Klaus Bittner ist sehr viel entspannter: „Da gibt es Schlimmeres, worüber ich mich aufregen würde.“ Und Jörg Magenau meint: „Wenn man auf prominente Namen setzt, ist das so eine Marketingnummer. Aber wenn es funktioniert? Ich habe da nichts dagegen.“

Könnte es aber nicht auch sein, dass der Roman von Matthias Brandt gerade deshalb funktioniert, weil es ein ganz und gar gelungenes literarisches Kunstwerk ist? Geschrieben von einer (eher selten gewordenen) Mehrfachbegabung: großer Schauspieler, hervorragender Autor?! Man stelle sich vor, er wäre auch noch ein ausgezeichneter Zeichner. Nicht auszudenken! Wäre das dann immer noch nur ein Marketing-Gag, ein Armin- Müller-Stahl-Defekt? – Unsinn, diese ganze Debatte! „Raumpatrouille“ war vielleicht noch Fingerübung? „Blackbird“ ist überzeugend erzähltes Erwachsenwerden. Von einem, der Sprache zu sprechen, zu schreiben weiß, der Wörter zu Bildern formen kann, die einem im Gedächtnis haften bleiben.

Die Straße, die Schule, die Lehrer, die Kinderfreundschaften, die Scheidung der Eltern, das Essen und die Gerüche, enge Wohnungen, der Umzug, die Liebe – die der Erwachsenen und die der Heranwachsenden – Jacqueline, die Unerreichbare, die kleine Steffi, die dann später die richtige Musik auf dem Kassettenrecorder abspielt … Bowie, Talking Heads, Mike Oldfield und Pink Floyd, Al Stewart und America, The year oft the cat und A horse with no name, diese Mädchenmusik, die Bogi so sehr liebte, Bogi, der eigentlich Manfred heißt (wie können Eltern ihr Kind nur so nennen?) und Morton, der von allen nur Motte gerufen wird … und der erzählt diesen wunderbaren Roman. Und weil unser aller Leben scheissenochmal endlich ist, muss auch vom Tod erzählt werden, und von der Leere, die er hinterlässt, nicht nur bei Begräbnissen, sondern überhaupt!

Und alles das kann der Autor Matthias Brandt und mit ihm sein Erzähler Motte zu Papier bringen, und wie! Man lese: Kapitel 17/Beerdigung, S. 252 ff.

Und der Namensvetter aus Ostfriesland? Wieso hat der gleich 2 Romane geschrieben und die dann in 1 Buch gepackt. Kann man so herum oder anders herum lesen. Verrückt. Und diese Fotos. Sind das überhaupt 2 Romane? Und was soll das mit den Fotos? Viele sogar ganz schön bunt. Sogar eines von Jan Brandt selbst: Porträt des Künstlers als junger Mann. (Stadtbuch, S. 153) – Hat einer den Verriss in der Kulturzeit in 3sat mitbekommen, von dieser FAZ-Rezensentin: unentschlossen, Dokumentation, zu lang, Fallstudie … jedenfalls kein Roman (nein, eben 2!, rufe ich ins Fernsehbild). In jedem Fall: misslungen, sagt sie, die Kulturtante.

Was für ein Quatsch! Jan Brandt sucht eine Wohnung (in Berlin): ein langer kafkaesker Albtraum. Jan Brandt möchte das Haus seines Urgroßvaters in Ihrhove (nicht weit von Leer) kaufen. Auch das ein Albtraum, aber weniger kafkaesk, eher sehr traurig, wegen der vielen Erinnerungen und der vielen Leute, die man noch von früher kennt, die jetzt bei der Bank arbeiten und einem keine Kredite vermitteln können, so von wegen der Sicherheiten und so. Andere sind Erzieher geworden, wieder andere Makler, nur Jans Bruder, der hilft, und die alten Eltern sowieso, aber das mit dem Hauskauf, das wird irgendwie nichts.

Zwei autobiographische Selbstversuche. Zwei Romane über das wirkliche Leben außerhalb von Romanen. Aber eben als Romane! Da liest man immer weiter, ist verzweifelt, lacht sich schlapp, wird wütend, hofft, ärgert sich, fiebert mit, steht Schlange bei den Wohnungs-Besichtigungen, kalkuliert Preise, schreibt Bewerbungsmappen (für Wohnungen!!), wird vertröstet … Sie hören ganz sicher von mir! – Und nie wieder hört man was. Albtraum eben!

Ja, und dann ist da noch das eine Kapitel im „Haus-Roman“. In dem träumt sich Jan Brandt weg durch die Jahrzehnte. Er ist gerade in den USA und besucht die Hinterlassenschaften des Bruders vom Urgroßvater, „legte eine Hand an die Steine und dachte an die Zeit zurück, als es (das Haus) gebaut wurde und schließlich dastand, wo es seitdem stand.“ (S.70) – und das wird dann über 30 Seiten lang zu assoziativer Weltgeschichtsprosa (S. 70 ff.) … und gehört mit zum Besten, was deutschsprachige Prosa in den letzten Jahren hervorgebracht hat!

Jan Brandt und Matthias Brandt: nicht verwandt, nicht verschwägert oder sonstwie verbunden. Beide haben sehr persönliche Erinnerungsbücher geschrieben, von denen eines sogar zwei in einem ist … Was Literatur alles kann: Lesen Sie doch mal selbst!

 

Matthias Brandt: ISBN 978-3-462-05313-5
Jan Brandt: ISBN 978-3-8321-8356-1

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© Peter Cremer / 2019

2 || B. Spinnen: Und alles ohne Liebe

Foto: Peter Cremer

Burkhard Spinnen

Und alles ohne Liebe

Schöffling & Co.

 

Von wegen ‚Und alles ohne Liebe‘! – Hier spricht ein Liebender; einer der besten und klügsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur; einer, der sich um Haaresbreite mit einer Arbeit über Fontane habilitiert hätte; einer, der dann doch Literat wurde und auf eine akademische Karriere verzichtete. – Und der doch hin und wieder seine literaturwissenschaftliche Leidenschaft aufblitzen lässt. Gott sei Dank! Denn das tut er völlig ohne Dünkel, professorales Gehabe, Fußnoten-Verliebtheit oder Zitierwut.

Spinnen setzt sich zum Ziel, Fontane – besser: die Frauengestalten der Berliner Romane – in ein neues, aktuelles, also gegenwärtiges Licht zu rücken. Und dabei die Sündenfälle der Oberstufendidaktik vergessen zu machen, die viele Leser wohl noch schmerzhaft erinnern werden.

„Offenbar war es dem Deutschunterricht nicht gelungen, Schülern des beginnenden 21. Jahrhunderts einen lebendigen Zugang zu [Fontanes Romanen] des späten 19. Jahrhunderts zu gewährleisten … In der Schule werden Fontanes Romane in kleine und kleinste Leseeinheiten zerschnitten, bis das Wesentliche des Textes gar nicht mehr erkennbar ist (10) … Der Richtungsanzeiger der Lektüre müsste von ‚Distanzierung‘ auf ‚Aneignung‘ gestellt werden. Effi wäre dann nicht das siebzehnjährige Mädchen aus einer weit entfernten Vergangenheit, das von seinen Eltern standesgemäß verheiratet wird, ohne dazu gefragt zu werden. Sie wäre vielmehr eine universelle Siebzehnjährige, die in Abhängigkeiten gerät und auf eine bestimmte Art und Weise darauf reagiert.“ (12).

Wie Spinnen dann im Folgenden die Heldinnen der Berliner Romane porträtiert, das ist geradezu atemberaubend modern. Die Poggenpuhls, Effi Briest, Cécile, Irrungen, Wirrungen, Stine, Frau Jenny Treibel, L’Adultera, Mathilde Möhring – das sind die Gegenstände von Spinnens „Familienaufstellung“ (101), die zu verblüffend neuen Erkenntnissen hinsichtlich der behandelten Themen führt:

  • Die Selbstbestimmung durch Arbeit (110 / Mathilde Möhring)
  • Das Sich-Verhalten des Individuums zum gesellschaftlichen Wandel (21 / Poggenpuhls)
  • Das Gefängnis des Kindseins (43 / Effi Briest)
  • Die Gesellschaft der Künstlichkeit (45 / Cécile)
  • Die sexuelle Ausbeutung der Frau durch den Mann, der Macht über sie hat (53 / Stine, Irrungen, Wirrungen)
  • Die Ausdifferenzierung eines neuen Mittelstandes (79 / Frau Jenny Treibel)

Die Auflistung der (absolut gegenwärtigen) Themen, die Spinnen in Fontanes Romanen ausmacht, ließe sich weiter fortsetzen. Doch die o. a. Hinweise reichen aus, um deutlich zu machen, wie er anlässlich des 200. Geburtstages des Altmeisters den brandenburgischen Groß-Autor von jedweder Klassiker-Entrücktheit befreit, wobei er die eigene Könnerschaft ganz der Fontanes unterordnet.

Insofern möchte ich dem Statement des WDR, das der Schöffling Verlag im Klappentext zitiert (U4), vorbehaltlos zustimmen: „Burkhard Spinnen spielt in einer eigenen Liga.“

 

ISBN 978-3-89561-048-6

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© Peter Cremer / 2019

1 || G. Carofiglio: Drei Uhr Morgens

Foto: Peter Cremer

Gianrico Carofiglio

Drei Uhr morgens

Folio Verlag

 

Lesen! Sofort! Dann weiterempfehlen! Literarisches Kleinod zu entdecken!
Carofiglio? Kennt man doch: Mafia, Mord, Staatsversagen. Diese düsteren Geschichten. Zusammen mit De Cataldo und Carlotto. Die Erben Sciascias. Lucarelli nicht zu vergessen. Bei Folio. Immer gut. Echte Aufklärer.

Und jetzt das: Schlaflos in Marseille. Vater und Sohn. Eine Krankheitsgeschichte, die die Geschichte einer Heilung ist. Dostojewski und Händel, Flaubert und Berlioz, Newton und Beethoven, Sokrates und van Gogh, alle diese Genies hatten mit dieser Krankheit zu kämpfen: Epilepsie.  Und Antonio auch. 18 Jahre alt, zur Behandlung in Marseille. Die Therapie: Schlafentzug. Wenn er für zwei Tage und zwei Nächte nicht schläft und während dieser Zeitspanne kein Krampf auftritt, dann ist die Krankheit besiegt.

Antonio und sein Vater, der Mathematikprofessor, der den Jazz liebt, der vor Jahren die Familie verlassen hat, von dem Antonio kaum etwas weiß, außer dass er unnahbar ist und eher kühl im Umgang. Antonio und sein Vater, schlaflos in Marseille. Eine éducation sentimentale in zwei mal 24 Stunden, eine lange Beichte, ein langes Gespräch, eine Initiation in die Liebe, eine Seelenerkundung, ein Stadtroman: Le Vieux Port, Chateau d’If, Quartier Panier, Les Calanques, Les Beurs, Notre Dame de la Garde. Auch ein Roman, der die Genialität eines Miles Davis erklärt und Louis Armstrongs Definition des Jazz erzählt: „Wenn du fragen musst, was Jazz ist, wirst du es nie wissen.“ (98). Und auch davon, wie es in schäbigen Sex-Shops zugeht oder davon, wie Don McLeans Ballade ‚American Pie‘ funktioniert. Zudem ein Roman über die Mathematik, die Liebe, das Altern und die Angst vor dem Tod.

Zuviel für einen so schmalen Roman? NEINNEINNEIN!! Augustinus Diktum über die Zeit kann vielleicht erklären,  was diesen Roman auszeichnet: „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es. Wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht.“ (117) – „In der dunklen Nacht der Seele ist es immer drei Uhr morgens.“ Das hat Scott Fitzgerald so geschrieben. Auch das der Versuch einer Erklärung für die Sogwirkung, die von Carofiglios Roman ausgeht.

Dieser kurze, dichte, prallvolle Roman ist ein Wunder! – Ab August 2019 in jeder gut sortierten Buchhandlung.

 

ISBN 978-3-85256-769-3

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© Peter Cremer / 2019

Über den Autor

Peter Cremer lebt, liest und schreibt in der Eifel.

Kurzbiografie

  • Studium Germanistik und Romanistik
  • Ausbildung zum Buchhändler
  • 11 Jahre 1. Sortimenter in Köln und Bergheim/Rheinland; dann Schuldienst
  • Seit fast 30 Jahren Lehrer am Joseph-DuMont-Berufskolleg in Köln
  • Bis zur Schließung im August 2019 verantwortlich für den Bildungsgang Buchhandel
  • Aktuell: Deutschlehrer in den Fachklassen der Medienberufe am JDB

Tätigkeiten

  • Autor im Bramann Verlag, Frankfurt
  • Buchhändlerische Expertise; zahlreiche Veranstaltungen zur Belletristik-Produktion (zuletzt als ‚Verstärkung‘ des Duos ›Gottschalk und Verstärkung‹)
  • Im ständigen Austausch über Bücher (alte und neue) mit den verschiedensten Menschen
  • Immer der Maxime Jean Pauls verpflichtet: Bücher lesen heißt: Wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne
  • Kurzzeitig Blogger (›Liesmichdoch.com‹, seit Juli 2019 nicht mehr online)
    seit 2020 auf Bramann.de unter ›Pete Cremer’s Corner‹.
Peter Cremer