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60437 Frankfurt

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Eine Liebeserklärung an Buchhändler*innen

In Buchhandlungen sind alle Menschen von Texten um die gleiche Armlänge weit entfernt. Diese Besonderheit der Branche egalisiert so manche Unterschiede, wie die zwischen Angestellten und Inhabern oder die zwischen Kunden und Personal. Genau das macht Buchhandlungen zu einem gesellschaftlichen und politisch bedeutenden, zu einem genuin demokratischen Ort, an dem Buchhändler*innen kulturellen Content anbieten. >> Mehr Infos

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Die fünfte Auflage der modernen Sortimentskunde, die im Titelzusatz zu Recht als ›Handbuch des Buchhandels‹ bezeichnet wird, bringt Struktur in die komplexen Zusammenhänge der Branche. Rundum erneuert, vor allem in den Kapiteln, die sich mit dem digitalen Berufsumfeld unserer Branche beschäftigen (Multi-Channeling, Webshop, VLB-TIX etc.), kommt sie frisch daher und macht Spaß beim Lesen, Lernen und Auffrischen bekannter Inhalte. >> Mehr Infos

 

 

»Der Handel mit Geistesprodukten wird immer ein Mittelding zwischen deinem persönlichen Geschmack und deiner Leidenschaft einerseits und dem Gefühl für eine gute Konjunktur andererseits sein.«
Ernst Rowohlt

Pete Cremer's Corner

Rezensionen und Kommentare aus der Eifel

Hier erscheinen ab Januar 2020 in loser Reihenfolge Rezensionen und Kommentare zu aktuellen Titeln aus Sachbuch und Belletristik.

Die Ausführungen spiegeln nicht in allen Einzelheiten die Auffassung des Verlags wider, werden jedoch gerne einer Online-Community zur Verfügung gestellt. Die Rechte liegen beim Autor, Peter Cremer.

28 || Maria Kjos Fonn: Kinderwhore

Foto: Peter Cremer

Maria Kjos Fonn

Kinderwhore

CulturBooks

Und wenn du an Norwegen denkst, was kommt dir in den Sinn? Atemberaubende Landschaften, Einsamkeit, raues Klima, schweigsame Menschen, zahllose Fjorde, Hurtigrouten, bunt angestrichene Häuser aus Holz, Nordseeöl-Reichtum … Ja, alles richtig. Fehlt noch was? Was ist mit Dreck, Drogen, Tod und Gewalt? Ahnst du was? Wenn ein Roman „Kinderwhore“ heißt und der Klappentext von den ‚Schrecken des Erwachsenwerdens‘ (U4) spricht?

Charlotte lebt allein mit ihrer Mutter. Die schläft viel, wegen der vielen Tabletten, die sie schluckt. Die hat häufig wechselnde Liebschaften. Deshalb hat Charlotte viele Väter, während sie heranwächst. Einer von denen ist Jonas. Charlotte ist 12, ist 13, als er sich oft zu ihr legt. Lieber als zu ihrer Mutter. Er schreibt ihr im Messenger, dass er sie liebt. Charlotte stiehlt Mamas „Paralgin forte, damit die Liebe nicht so wehtut.“ (S. 62) Dass er auch Fotos macht, von ihrem Körper mit seinem Handy zwischen ihren Beinen, das nimmt sie nur in einem dumpfen Dämmerzustand wahr. Denn sie kniet schon wieder vor der Kloschüssel, „mein Magen stülpte sich um, ich erbrach mich, wieder und wieder und wieder … Es tat so verdammt weh, geliebt zu werden.“ (S. 63) Dann blutet sie, nicht nur zwischen den Beinen. Die ganze Kleidung ist blutverklebt. Sie wirft sie in den Müll. Weg. Dann ist es weniger schlimm. Doch da ist etwas in ihrem Kopf. Das kann sie nicht wegwerfen. Das ist jetzt immer da. Auch wenn sie noch so viele Drogen konsumiert.

Ihr Leben jetzt: „Sich anziehen, sich zudröhnen, sich aufnutten, sich hinlegen. Das war doch leicht.“ (S. 82) Manchmal überlegt sie, ob sie ‚bad fürs business‘ sein könnten, die Drogen … egal, sie nimmt sie, sie macht es, sie bekommt Geld, manchmal viel Geld.

Sie ist schon 15, da schluckt sie 120 Schlaftabletten. Man findet sie. Das Leben geht weiter. Psychiatrie, Jugendknast, Wohngemeinschaften, Gewaltrisiko, Suizidrisiko, Traumata, Dissoziation, Medikamente ohne Ende. (S.115) Courtney Love singt ‚Doll Parts‘. Charlotte ist keine Puppe, aber zerstückelt ist sie, „abwechselnd traurig, ängstlich, aggressiv“ (S. 147), „schließt keine Freundschaften, hat antisoziale Züge, zwanghaftes sexuelles Verhalten und starke Grenzenlosigkeit“ (S. 151), mit der sie ihrer Umwelt und sich selbst dauerhaft Schaden zufügen kann und wird.

Norwegen. Offensichtlich ein modernes Land im modernen Europa. Drogen, Sex und Tod. Missbrauch, Vergewaltigung und Sterben.

Dann lernt Charlotte Kristine kennen. Die vermittelt ihr eine Anwältin. Als erstes muss sie ihre Mailadresse ändern. Kinderwhore97@hotmail.com geht nicht. Der Rest wird sich klären. Schuldig einer, eine?

„Eine Schulfreundin sagte aus, die Geschädigte habe sich ihr mit zwölf Jahren wegen der Übergriffe anvertraut, gleich nachdem diese begonnen hatten. Diese Freundin und die Geschädigte hatten mit fünfzehn Jahren zuletzt Kontakt. … Sie war achtzehn, als sie innerhalb ihrer Therapie anfing, über die Übergriffe zu sprechen.“ (S. 241)

2020, #metoo, Kinderpornografie, Bergisch Gladbach und Münster, höchste Dunkelziffern – was ist bloß los in der Welt, wie entsteht das alles? 

Eine von vielen möglichen Antworten gibt der Roman von Maria Kjos Fonn, den Gabriele Haefs glänzend übersetzt hat. Der Text ist aufwühlend und verstörend, aber auch mitreißend und bis zur Unerträglichkeit wahr. Die Lektüre entspannt nicht, aber sie klärt auf. Und ist deshalb schmerzhaft notwendig. Was kann Literatur mehr leisten?! 

 

ISBN 978-3-95988-106-7

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© Peter Cremer / Juli 2020

27 || Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde

Foto: Peter Cremer

Jhumpa Lahiri

Wo ich mich finde

Rowohlt

Mehr als vierzig kurze und kürzeste Prosastücke versammelt der knapp 160 Seiten schmale Band „Wo ich mich finde“ der inzwischen in Rom lebenden und in italienischer Sprache schreibenden Jhumpa Lahiri.

Im Stillen, In der Bar, Im Bett, In der Buchhandlung, In der Morgendämmerung, Am Bahnhof, Vor dem Spiegel, Bei meiner Mutter … so sind die Kapitel überschrieben, die Margit Knapp kongenial ins Deutsche übertragen hat.

Die namenlose, fast immer ein wenig mürrische Ich-Erzählerin beobachtet Belangloses, notiert ihre zahllosen Befindlichkeiten, schildert Impressionen aller Art und reiht diese faits divers zu einem Textganzen, das einerseits eine seltsam schwermütige Grundstimmung befördert, andererseits aber auch eine heiter unangestrengte Leichtigkeit hervorzurufen vermag. Die Gleichzeitigkeit, mit der die Erzählerin beide Wirkungswelten erzeugt, macht die Lektüre ebenso leicht und schwerelos wie melancholisch und suggestiv. Nie sind die einzelnen Geschichten auf eine Pointe hin erzählt. Vielmehr sind in es oft kurze Nebensätze, in denen die zentralen Kernaussagen scheinbar beiläufig versteckt sind.

In „Bei mir zu Hause“ empfängt die Erzählerin eine alte Freundin in ihrer Wohnung. Diese Freundin hat leider ihren Ehemann im Schlepptau, einen eher unangenehmen Zeitgenossen, dessen Gelehrtheit unverschämt und besserwisserisch daherkommt. Mit kritisch abschätzigem Blick überprüft der unsympathische Mann das Bücherregal der Hausherrin, die daraufhin ihre Beobachtung wie folgt kommentiert: „[Er] beginnt, mein Regal zu durchforsten, alle meine Bücher, man kann sagen, mein Leben.“ (S. 65) Ein Halbsatz genügt, um ein Leben mit den Büchern und für die Bücher und durch die Bücher zu charakterisieren.

Gegen Ende des Romans, sie hat sich längst zum Aufbruch aus der Stadt entschlossen und ist dabei, sich mit dem Gedanken anzufreunden, den vertrauten Alltag hinter sich zu lassen, da stellt sie sich die alles entscheidende Lebensfrage: „Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“ Und gibt sogleich auch die Antwort: „Richtungslos, verloren, konfus, durcheinander, orientierungslos, verwirrt, verstört, entwurzelt, nutzlos, verschreckt: In diesen verwandten Begriffen finde ich mich wieder. Das ist mein Wohnsitz, er besteht aus den Wörtern, die für mich die Welt bedeuten.“ (S. 151)  

Lahiris Erzählerin findet sich also in den Wörtern, in der Literatur. Denn diese ist die Welt. Insofern ist es nur konsequent, dass der Roman keine Handlung im eigentlichen Sinne hat, sondern Alltagsszenen in Prosaminiaturen aneinanderreiht. Diese aber erzählen in der Summe das Porträt einer Frau in ihren mittleren Jahren, die an einem wichtigen Wendepunkt ihres Lebens angelangt ist.

Jhumpa Lahiri schreibt eine Prosa von makelloser Schönheit, die aber nie in Künstlichkeit erstarrt, sondern die es mit traumwandlerischer Sicherheit schafft, erzählte Welt präzise, echt und doch voller Gefühl abzubilden. Überzeugen Sie sich unbedingt selbst.

 

ISBN 978-3-498-00110-0

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© Peter Cremer / Juli 2020

26 || Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Foto: Peter Cremer

Nicolas Mathieu

Wie später ihre Kinder

Hanser Berlin

Was für ein schrecklicher Schutzumschlag: Junges Pärchen, rauchend und dabei sich küssend, Haare noch nass (SIE), beide in Shorts, Bikinioberteil oder BH (SIE),  im Schwimmbad oder am See, Picknickdecke, Wiesenblumen, Baumbestand im Hintergrund … Jugendbuch-Anmutung. Nein, doch nicht, da ist ja der Aufdruck in der rechten Ecke oben: Prix Goncourt 2018. Wichtiger Preis, also wichtiges Buch. Allerdings in merkwürdiger Verpackung, mit merkwürdigem Titel. Leurs enfants après eux. Vielfach wurde die Übersetzung von Lena Müller und André Hansen gefördert (ist dem Impressum zu entnehmen).

Ich mache die „Satz-1-Probe“: „Anthony stand am Ufer und starrte geradeaus.“ Gut, gefällt mir. Also: weiterlesen. Aber warum Anthony und nicht Antoine? Spricht die Welt Englisch? Egal, muss ich nicht verstehen.

Vier Kapitel, 1992 bis 1998, vier Mal eine Zweijahresgeschichte. Von „Smells like a teen spirit“ (1) bis „I will survive“ (4). Zwischendrin „You could be mine“ (2) und „La fièvre“ (3). Sprechende Kapitelüberschriften? Von Nirvana zu Gloria Gaynor. Ist damit das Feld der Geschehnisse bestellt, von Grunge zu Disco? Also doch ein Jugendbuch?

Der Klappentext behauptet (U2): „Anthony, Hacine und ihre Freunde beim Erwachsenwerden in einer Welt, in der ihnen nichts geschenkt wird und an der sie dennoch hängen.“ - Naja, das unterschreibe ich erstmal nicht. Sie hängen nicht an ihrer Welt, die jungen Leute nicht und auch nicht ihre Eltern. Sie leben einfach darin und nehmen alles, wie es kommt. Mehr oder weniger. Dabei Drogen aller Art konsumierend: Bier mit Picon (die Alten, igitt) oder Haschisch und Koks und Wodka (die Jungen). Dass Alkohol ungeheure Verheerungen anrichtet, das habe ich schon in Zolas Totschläger gelesen und später auch bei Fallada und noch später bei Joseph Roth und noch vielen anderen. Virginie Despentes meint: „große Gesellschaftschronik in der Tradition Émile Zolas.“

Aha. Also Determiniertheit,  durch râce, milieu, moment … und dafür gibt es dann 2018 den Prix Goncourt?!

Der Ort der Handlung: Heillange. Es ist nicht weit bis nach Luxemburg oder nach Deutschland oder nach Metz oder Nancy. Französische Provinz. Industrie. Abgehängt. Rasender Stillstand überall. Drogen. Schlägereien. Sex. Dauernd ist das eine hart, das andere feucht.

Träume: Von der Liebe, vom Wohlstand, vom Aufstieg, von Geborgenheit, vom Glück. Die Wirklichkeit: Sprachlosigkeit, Armut, Gewalt, Rassismus, Unglück.

Da möchte man nicht leben, in diesem Nicht-Ort Heillange, umgeben von still gelegter Schwerindustrie, rostendem Stahl, zerfallenden Plattenbauten, verzweifelter Brünftigkeit.
„Sie hatten dieselben Freizeitaktivitäten, dasselbe Gehalt, dieselbe unsichere Zukunft, und vor allem dieselbe Scham, die es ihnen unmöglich machte, über ihre wahren Probleme zu sprechen, dasselbe Leben, das wie ohne ihr Zutun ablief. Tag für Tag, in diesem Nest, das sie alle hatten verlassen wollen, ein Dasein, das dem ihrer Väter ähnelte, ein schleichender Fluch. Sie konnten nicht über den ewig gleichen Alltag sprechen, den sie wie eine Krankheit geerbt hatten. Wenn sie es zugegeben hätten, hätten sie sich ihre Unterwerfung eingestehen müssen. Aber sie waren stolz, […] auch darauf, das Alphabet rülpsen zu können.“ (S. 403) Was wäre aber, wenn der marode Osten Frankreichs, wenn Heillange die Metapher für ‚Welt der Moderne‘ wäre? Für Detroit, für Sheffield, für Duisburg für Kattowitz?

„Wie später ihre Kinder“ ist ein durch und durch naturalistischer Roman.

Mathieu zelebriert freudlose Wirklichkeit. Aufklärung. Schonungslos. Gut gemacht. Prix Goncourt 2018.  Ich persönlich allerdings bevorzuge verklärenden Realismus. Ganz gleich, ob von Fontane, Haruf oder Lahiri. Geschmacksache eben.

 

ISBN 978-3-446-26412-0

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© Peter Cremer / Juli 2020

25 || Dror Mishani: Drei

Foto: Peter Cremer
Foto: Peter Cremer

Dror Mishani

Drei

Diogenes

Ein Mann: Gil. Drei Frauen: Orna (geschieden), Emilia (ledig), Orna (verheiratet). Orte der Handlung: Tel Aviv (und Umgebung), Bukarest. Gil arbeitet als Rechtsanwalt. Er ist viel unterwegs. Oft auch in Osteuropa. Kümmert sich in der Hauptsache um Pass-Angelegenheiten seiner Klienten. Verheiratet, möglicherweise geschieden, zwei Töchter. Charmant, selbstsicher, meistens zuverlässig, gepflegte Umgangsformen. Sein Porträt auf dem Dating-Portal …

… wird gefunden von Orna. Geschieden von Ronen. Lehrerin. Ein Sohn. Eran. Der ist in psychologischer Behandlung. Ronen lebt inzwischen in Nepal. Mit der Deutschen Ruth und ihren vier Kindern.

Orna und Gil. Das könnte was werden. Oder doch nicht? Schwierig. Gils Wohnung. Die macht gar nicht den Eindruck, als sei sie bewohnt. Eines Tages beobachtet Eran, wie Gil Orna abholt. Mit dem Sportwagen.

Dieser Umstand wird später die verheiratete Orna sehr interessieren. Mit der trifft sich Gil im Café. Wenn er nicht gerade auf Reisen ist. In Osteuropa. In Bukarest , zum Beispiel. Oder auch in Riga.

Dahin möchte er wegen Emilia. Die kommt aus Lettland. Verwandte: keine. In Israel kennt sie kaum jemanden. Außer dem Ehepaar, dessen Mutter sie im Pflegewohnheim betreut. Verdient nicht viel. Muss sich was dazu verdienen. Gil bietet ihr an, seine Wohnung zu putzen. Gils Vater wurde schon von Emilia gepflegt. Daher weiß er von ihr.

Die Wohnung sieht unbewohnt aus, findet Emilia. Nichts Persönliches. Sie kauft Nippes, den sie in der Wohnung verteilt. Zufällig erfährt sie beunruhigende Neuigkeiten über Orna, die Lehrerin. Für die sich später auch die verheiratete Orna interessiert.

Ein Mann: Gil. Und drei Frauen. Wie das geht? – Lesen Sie Dror Mishanis „Drei“, dann wissen Sie’s.

Übrigens: Es ist ganz schön schwierig, eine Kurzrezension zu schreiben, in der alles Gesagte der Wahrheit entspricht und doch rein gar nichts verraten wird.

Also. Los. Lesen. Sie werden „Drei“ nicht mehr aus der Hand legen.

 

ISBN 978-3-257-070084-2

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© Peter Cremer / Juni 2020

24 || N. Lagioia: Eiskalter Süden

Foto: Peter Cremer

Nicolai Lagioia

Eiskalter Süden

Secession

 

Süditalien. Bari. Tarent. Meer. Alte Villen. Familienpaläste. Erlesene Speisen. – Man könnte ins Schwelgen geraten. Wären da nicht Korruption, Raffgier, Intrigen und brutale Gewalt. Die machen aus der vermeintlichen Idylle einen Ort eisiger Unwirtlichkeit. Eiskalt ist dieser Süden tatsächlich, in dem Lagioias Roman spielt.

2015 mit dem Premio Strega ausgezeichnet, schon 2016 in deutscher Übersetzung (von Monika Lustig) erschienen, lese ich die mehr als 500 Seiten erst im Juni 2020. Eine Empfehlung meiner Literaturfreundin Angelika S. aus Aachen! Wie heißt es so treffend: besser spät als nie!

Das ist kein Roman zum vergnüglichen Wegschmökern. Formal und inhaltlich verlangt der Text seinen Leserinnen und Lesern Geduld und langen Atem ab. Am Ende winkt dann aber als Lohn die staunende Erkenntnis, sich eine weitere wichtige und außergewöhnliche Facette des literarischen Topos ‚conditio humana‘ erlesen zu haben. Denn das, was wie eine Mord- und Drogengeschichte beginnt, entpuppt sich als existenzialistischer Gesellschaftsroman der Sonderklasse.

Erzählt wird vom Aufstieg und Fall der Unternehmerfamilie Salvemini. Den Eltern Annamaria und Vittorio, den vier Kindern Ruggero (der Onkologe), Clara (das Partygirl), Gioia (die Schülerin) und Michele (der psychologisch labile Möchtegernjournalist). Letzterer ist eher eine Art Kuckuckskind, das im Haus der Salveminis aufwächst, ist er doch das Kind der Geliebten Vittorios, die bei der Geburt des Jungen stirbt. Symbiotisch ist Micheles Beziehung zu Clara. Extrovertiert, weltoffen und allen Sinnesfreuden zugetan die eine, introvertiert mit einem Anflug bipolarer Schizophrenie der andere. Claras totaler Absturz wird in Michele Kräfte ungeheuren Ausmaßes freisetzen, die in letzter Konsequenz einen furchtbaren Abgrund offenbaren werden.

„Es liegt im Bereich des Möglichen, dass die schönste Knospe einen hässlichen Wurm birgt“, heißt es schon früh im Roman (S. 217). Da ist die Rede von der „Kloakenfäulnis, die mitten ins Gehirn geschwemmt wird“, da wird das Leben zur „archaischen Wunderkiste, deren Inhalt im Kontakt mit der äußeren Welt zu Albträumen wird“. (S. 218)

Man ahnt: Das wird kein gutes Ende nehmen können. – Die Natur stirbt, ebenso die Menschen. Lagioias Roman erzählt den irrlichternden Albtraum von Schönheit und Zerstörung. Und weist dabei weit über die Grenzen italienischer Gesellschaftswirklichkeit hinaus. Ein eiskaltes Leseerlebnis, das frösteln macht.

 

ISBN 978-3-905951-89-9

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© Peter Cremer / Juni 2020

23 || N. Shakespeare: Boomerang

Foto: Peter Cremer

Nicholas Shakespeare

Boomerang

Hoffmann und Campe

 

Wer im Marketing bei Hoffmann und Campe hat es zu verantworten, dass der Titelzusatz ‚Thriller‘ den Roman verunstaltet? – Boomerang ist kein Thriller. Boomerang ist ein Roman. Fertig. Von mir aus auch: ein spannender politischer Roman. Aber ist nicht irgendwie alles immer irgendwie politisch? Egal. Zum Teufel mit dem Titelzusatz. Wo doch schon der Romantitel selbst ausgesprochen blöde ist. Dass mit Boomerang ein australisches Weltkriegskampfflugzeug bezeichnet wurde, ist eher unnützes Wissen. Aber dass der Protagonist John Dyer als Kind ein Modellflugzeug dieses Fugzeugtyps gebaut hat, das Mitschüler dann später in einer Sandgrube versteckten … das hat dann doch eine gewisse vorausdeutend symbolhaltige Konnotation für das Romanganze. Denn in einer Sandgrube wird Dyer einen speziellen Gegenstand finden, der sein Leben nahezu auf den Kopf stellen wird.

John Dyer?  Der Journalist? Da gab es doch schon einmal einen außergewöhnlichen (ebenso spannenden wie politischen) Roman Shakespeares über die lateinamerikanische Guerilla- und Terrorgruppe „Der leuchtende Pfad“, der später von John Malkovich verfilmt wurde: Der Obrist und die Tänzerin. Glänzend geschrieben, bei Rowohlt veröffentlicht, so etwas wie der literarische Durchbruch Shakespeares, und Boomerang ist eine Art Fortsetzung des Obristen, so wie dieser aufs Engste mit Shakespeares Erstling Die Vision der Elena Silves in Verbindung steht. – Jetzt also wieder Dyer als Protagonist. Wieder Politik. Wieder Intrige. Und düstere Machenschaften in unklaren Verhältnissen. Menschen verschwinden spurlos.

Dyer lebt mit seinem Sohn Leandro in Oxford. Seine erste Frau Nissa hat ihn wegen eines gut verdienenden Anwalts verlassen. Die zweite Frau (Astrud) ist zusammen mit der neugeborenen Tochter nach der Geburt verstorben. Er hat nach diesen Schicksalsschlägen  den Journalistenberuf frustriert an den Nagel gehängt und den geliebten Kontinent Südamerika verlassen. In Oxford vergräbt er sich in der Bibliothek. Er möchte die Recherchen für ein neues Sachbuch über die Kolonialisierung Lateinamerikas abschließen. Doch die Schatten der Vergangenheit verfolgen Dyer. Erinnerungen an die eigene Schulzeit in Oxford, der Besuch der teuren Privatschule Phoenix (die Schule, die nun auch Leandro besucht), das Wiedersehen mit ehemaligen Schul- und Klassenkameraden, viele von denen inzwischen skrupellose Karrieristen und obskure Geschäftemacher, in allerlei dunkle politische Machenschaften verstrickt, andere zunächst gänzlich verschollen, dann aber wie Phoenix aus der Asche auftauchend, gewisse gesellschaftliche Verpflichtungen, ständige Geldknappheit – Dyers Leben ist auch nach der Rückkehr nach England nicht in die ruhigen Fahrwasser gemündet, die er sich erhofft hatte. Er lebt in bescheidenen Verhältnissen, ist ein fürsorglicher Vater und ein an aktueller Politik nur mäßig interessierter Zeitgenosse.

Doch dann trifft er zufällig den iranischen Kernforscher Rustum Marvar, dessen Sohn Samir ebenfalls die Phoenix-Schule besucht und der zusammen mit Leandro in der Fußball-Schulmannschaft spielt. Ist das Treffen der beiden Väter tatsächlich ein Zufall oder doch von langer Hand geplant? Welches Geheimnis enthalten die Aufzeichnungen Marvars, die er Dyer zukommen lässt? Was ist das für eine Veränderung, die Dyer in seinem Alltag feststellt? Wird er tatsächlich verfolgt? Ist er ins Visier verschiedener Geheimdienste geraten? Dyer glaubt plötzlich, niemandem mehr trauen zu können. Wie einst in Brasilien, als der Colonel Rejas dem Journalisten Dyer die schier unglaubliche Geschichte von der Verfolgung des Guerillachefs Ezequiel erzählte (Der Obrist und die Tänzerin).

Geheimdienste, Staatsinteressen, Spionage, Kernphysik, das sind die Ingredienzien, die Dyers eher ruhiges Leben grundlegend zu verändern scheinen. Was bedeuten Marvars Aufzeichnungen, welche Botschaft enthalten sie? Wohin ist der Physiker verschwunden? Warum ist nichts mehr so, wie es war, ehe Dyer in den Besitz der merkwürdigen Papiere gelangte?  Die Schlinge um dem den Hals des Ex-Journalisten zieht sich langsam zu …

Ja. Boomerang ist ein spannender Roman, der viele Fragen aufwirft, kaum eine dieser Fragen beantwortet und den man doch nach Ende der Lektüre mit dem Gefühl zuklappt, so einiges über das Leben gelernt zu haben. Und auch, dass die Geschichten hinter den Buchdeckeln nicht enden, sondern weitergehen.

Gewarnt seien empfindsame Leser*innen vor dem 13. Kapitel (S. 126 – S. 130). Nur wenige Seiten ist das Kapitel kurz, doch die geschilderten Grausamkeiten sind schockierend. An keiner anderen Stelle beschreibt Shakespeare das Unvorstellbare so präzise. Will ich so genau über bestialische Folterpraktiken Bescheid wissen, frage ich mich. Ganz gleich, wie die Antwort ausfällt, man liest anders weiter, wenn man Kapitel 13 geschafft hat.

Trotz der irreführenden Informationen auf dem Schutzumschlag mit der mehr als gewagten Genrezuordnung, die offensichtlich darauf abzielt, größere Käuferschichten anzusprechen: Shakespeare erzählt eine spannende Geschichte, routiniert übersetzt von Anette Grube. Dieser englische Autor ist eine Bank. Seine Bücher sind in höchstem Maße lesenswert. Immer. Jetzt also „The Sandpit“, deutsch: Boomerang. Wieder eine filmreife Story. Vielleicht eine Drehbuchvorlage für den ewigen Eastwood?!

 

ISBN  978-3-455-00881-4

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© Peter Cremer / Juni 2020

22 || K. Haruf: Kostbare Tage

Foto: Peter Cremer

Kent Haruf

Kostbare Tage

Diogenes

 

Holt, Colorado. Szenen aus der Provinz. Dad Lewis stirbt. Reverend Lyle predigt sich um Kopf und Kragen. Bob und Rudy werden bald Dads Eisenwarenladen übernehmen. Die achtjährige Alice lebt nach dem Tod der Mutter bei Berta May, ihrer Großmutter. Und die allein lebende Alene und ihre Mutter Willa können sich sehr gut vorstellen, Alice an Tochter statt aufzunehmen. – So einiges muss geregelt werden.

Dad hat mit dem Befund gerechnet. Lungenkrebs. Maximal ein halbes Jahr bleibt ihm noch. Seine Frau Mary wird ihm zur Seite stehen. Auch seine Tochter Lorraine,  die aus Denver angereist ist. Nur Frank, der Sohn, bleibt unauffindbar. Einst hat er im Streit das Haus der Lewis verlassen. Mit der Homosexualität seines Sohnes ist Dad nie klar gekommen.

Leben und Sterben in Holt,  Colorado. Prärieland umgibt die kleine Stadt. Ein unscheinbares Kaff irgendwo im Hinterland. Ein Ort, scheinbar wie aus der Zeit gefallen. Und doch der Schauplatz des ganzen Welttheaters, der menschlichen Komödie des zwanzigsten Jahrhunderts mit all ihrem Leid, ihren Träumen, ihrem Glück, ihrer Ausweglosigkeit.

Die Schicksalsgeschichten, die Kent Haruf seinen Figuren andichtet und in der fiktiven Kleinstadt Holt erleben lässt, das sind banale Alltagsgeschichten, wenig spektakulär und doch von welthaltiger Strahlkraft gesättigt. Das, was die Protagonisten erleben, ist schlichtweg das, was man gemeinhin als ganz normales Leben bezeichnet. Doch in dieser scheinbar kleinen Welt ist die große ganz abgebildet. Harufs Realismus gleicht dem Fontanes, indem er Realität verklärt und so gleichsam neu erfindet. Er überlässt es seinen Leserinnen und Lesern zu urteilen. Er selbst ist nur derjenige, der die vielen Facetten zu einem erzählten Ganzen zusammenfügt. Und das tut er vollkommen unaufgeregt, Anteil nehmend, mit versöhnlichem Blick, Unrechtes und Böses dabei nicht aussparend. Es ist also keine heile Welt, keine Idylle, die Haruf erzählt, denn Risse und Verwerfungen sind überall immer sichtbar, nicht alles ist gut, nicht immer gibt es Versöhnung. Wie sollte das auch möglich sein, wenn alles im Leben von Vergänglichkeit geprägt ist. Das einzige, was uns retten kann, ist die Möglichkeit zu lieben. Das ist die geheime Botschaft aller Bücher von Kent Haruf. Noch die traurigste Episode seiner Geschichten macht uns immer auch ein bisschen glücklich, weil alles Erzählte von großer Empathie getragen wird. Der poetische Realismus Harufs wir so einem zutiefst menschlichen. Tod, Verzweiflung, Dunkelheit, all das ist immer da. Aber eben gleichzeitig auch Trost, Glück und Licht.

Bernhard Schlink hat es in seiner Kritik zu ‚Lied der Weite‘ treffend auf den Punkt gebracht, wenn er schreibt: „Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg.“ Also, kommen Sie mit. Nach Holt, Colorado.

 

ISBN  978-3-257-07125-2

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© Peter Cremer / Mai 2020

21 || A. Heidtmann: Wie wir uns lange nicht küssten, als ABBA [...]

Foto: Peter Cremer

Andreas Heidtmann

Wie wir uns lange nicht küssten, als ABBA berühmt wurde

Steidl

 

Der sperrig lange Titel machte mich gleich neugierig. Genauso wie der Autoskooter und die Musikcassette auf dem bedruckten Leineneinband.

Ort der Handlung: Lippfeld, Ruhrgebiet, Essen ist nicht weit entfernt. Die erste Liebe: Ben Schneider und Susanna. Der erste Kuss Bens geht allerdings (nicht ganz so geplant) an Mona Michalke. Und dann ist da ja auch noch Rebecca. Später. Mit der erlebt Ben seinen Baldeneysee-Blues. Da studiert er schon Klavier, bei Folkwang, Bartók, Beethoven, Schubert und so. Dabei ist Hendrix der wirkliche Held von Lippfeld und Umgebung. Dessen Gitarrespiel hat keiner so gut drauf wie Mick Palmer, der genialste Luftgitarrist aller Zeiten. Dessen Mutter ist schon lange tot und der Vater hat sich jetzt auch noch im Schuppen aufgehängt. Hinter dem grauen Haus mit Madenputz. Schon drängelt das Jugendamt. Mick und sein älterer Bruder sollen raus aus dem Haus. Geht doch nicht. Also: Demo organisieren, Haus besetzen, Transparente malen. Alle helfen mit. Ist doch klar. Zwischendurch Bier und Keller Geister und Kuddel, der kräftig einen durchzieht.

Da gerät man auch schon mal ins Grübeln. Und der Sound dieser Grübeleien, der klingt so: „Vielleicht war es ein Privileg, die Welt etwas zeitiger zu verlassen, mit siebenundzwanzig beispielsweise wie Janis Joplin, Jim Morrison oder Jimi Hendrix. Oder, wenn es sein musste, mit sechzehn wie Jan-Henri Kopilski. Alles besser, als sich im Stadium der Demenz wiederzufinden à la Weilichmann oder Jablonski, der als Vogelscheuche im eigenen Erdbeerbeet seine Restexistenz fristete.“ (S. 288)

Susanne, meine Buchhändler-Kollegin von früher, meint: „Typisches Männerbuch; nach dem ersten Kapitel weiß man doch, wo’s lang geht. Ich hab’s nicht weitergelesen.“

Fehler, sage ich. Dir entgehen unglaubliche Sprüche, Bilder, Wörtergebilde, Satzkaskaden … paar Beispiele, Appetithappen sozusagen, zum Anfixen.

Von holländischen Tomaten heißt es: „Sie hatten die perfekte Form von großen Murmeln. Geschmacklich tendierten sie zu einem unreifen Grün.“ (S. 128). Ruhrgebiets-Synästhesie ohnegleichen, oder!? – „Reibekuchen, die mir in ihrer zerklüfteten Struktur geradezu expressionistisch vorkamen.“ (S. 126) – „Mit seiner Leidenschaft hätte er Regen in Brand setzen können.“ (S. 170) – „Im Dunkel des Ladens träumten Hoover-Staubsauger und Schlager-LPs von einer besseren Zukunft.“ (S. 266) – Als Autoritäten im Haus der Schneiders gelten: Bach, Willy Brandt und die Tagesschau. (S. 122) – „Das blaue Aralschild der Tankstelle war der Vorbote Lippfelds, so wie die Freiheitsstatue der Vorbote New Yorks oder die Golden Gate Bridge das Entrée von San Fancisco.“ (S. 261) – Und dann denkt sich Ben Tagebuchsätze zu ‚Liebe‘ aus, die gehen so: „Liebe ist eine sich in Pfützen spiegelnde Seifenblase.“ Und: „Liebe ist ein auf einem Silbertablett zugrunde gehendes Erdbeereis.“ (S.317)

Und das geht immer so weiter. Auf jeder Seite. Kaum auszuhalten. So gut! Ein Männerbuch? – Quatsch, Susanne. – Ein Lebensbuch. Oder, wie es der Werbetext des Verlags beschreibt: „Es beginnt ein Sommer der stillen Revolte …, der unwiederbringlichen Leichtigkeit und des unentrinnbaren Ernstes des Lebens.“

  • Christian Anders, Tony Marshall, Les Humphries und Lobo.
  • Hendrix, Deep Purple, Lennon und Dylan.
  • Bartók, Bach, Schubert und Beethoven.

Was für eine Playlist, was für ein Mixtape könnte da aufgenommen werden. Und die Musik wäre der Soundtrack zu einem furiosen Roman über Leben und Tod, Liebe und Trennung, Trauer und Lebensfreude, Normalität und Wahnsinn.

Wie lernt man eigentlich küssen? Was sagt man, wenn der sechzehnjährige Freund stirbt, der gar kein Freund war, doch der nach seinem Tod einer wird? Wie schreibt man dem nach dem zu frühen Tod einen Brief? Und wie kann man dem bleichgesichtigen Irländer eine verpassen, weil der zu eng mit Susanna tanzt?

Heidtmanns Roman beantwortet alle Fragen. Auch solche zu Kartoffelsalat mit Würstchen, zu Reinhard Mey und zum Tambourine Man, zu Malochern (Bens Vater) und zu Drummern (Susannas Vater) und natürlich zum Sinn oder Unsinn der Sonne über Lippfeld: „Zu groß für Lippfeld. Zu groß für uns alle. Es war ein Versehen im kosmischen System, dass ein so grandioser Stern aus unserem Universum direkt über einer so bedeutungslosen Ortschaft schwebte. Uns beschien.“ (S. 345)

Andreas Heidtmann hat einen wunderbar menschlichen Roman geschrieben, der zugleich ein sprachlicher Hochgenuss ist. Ein eingelöstes Glücksversprechen. (S. 346)

 

ISBN 978-3-95829-714-2

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© Peter Cremer / Mai 2020

20 || M. Niemi: Wie man einen Bären kocht

Foto: Peter Cremer

Mikael Niemi

Wie man einen Bären kocht

btb

 

18 Jahre ist es nun schon her, da gab es die ‚Populärmusik aus Vittula‘ endlich auch auf Deutsch. Ein Roman, der ganz da oben spielte. Im Hohen Norden. Da, wo man Finnisch, Schwedisch, Samisch oder auch Norwegisch und manchmal auch alle vier Sprachen durcheinander spricht. Und verstehen sollte man diese Sprachen tunlichst auch, wenn man Bescheid wissen will und begreifen möchte, wie die Bewohner der einsamen Nordland-Gegenden ticken.

Nun, Musik spielt in Niemis neuem Roman eine eher nachrangige Rolle. Nur ein einziges Mal gibt es ein bisschen Tanzmusik beim verbotenen Scheunentreffen – mit anschließendem Mordversuch. Ansonsten ist kaum Ausgelassenheit angesagt in Kengis. Mitte des 19. Jahrhunderts. Ganz da oben. Im Hohen Norden. Wo im Sommer die Mücken und Bremsen die Menschen bei lebendigem Leib aufzufressen drohen, wenn es denn nicht die Bären tun, während im Winter Erfrierungen an der Tagesordnung sind. Wo die Menschen bestialisch stinken unter ihren verdreckten Kleidern und nur Saunabesuche hin und wieder die verklebten Poren der Haut reinigen. Wo das Essen mehr dem Überleben dient als dem feinen Genuss. Wo zwar schon Salz benutzt wird, Pfeffer jedoch noch nicht und auch die Kartoffel nahezu unbekannt ist. Doch das wird sich ändern mit Hilfe von Laestadius, dem Propst von Kengis, dem Gemeindepfarrer des Dorfes, der zugleich Erweckungsprediger und Naturforscher ist und außerdem ein Freund gut zubereiteter Speisen.

Er ist zugleich ein wahrer Sherlock Holmes Lapplands, der nicht glaubt, dass es ein Bär war, der Hilda Fredricksdotter getötet hat (die schöne Leiche tief im Moor), und der außerdem auch nicht davon überzeugt ist, dass Jolina Eliasdotter nach deren Vergewaltigung Selbstmord begangen haben soll.

Zusammen mit Josef Sieppinen, genannt Jussi, dem samischen Schamanenbengel, sammelt der Propst Beweisstücke. Vom Fingerabdruck über Spuren tödlicher Gifte in benutzten Trinkgläsern bis hin zu Bleistiftanspitzkrümeln. Alles auch immer Belege dafür, dass niemals Jussi, den Laestadius an Sohnes statt angenommen hat, der vermeintliche Täter sein kann, wie der Landjäger Brahe und sein merkwürdiger Gendarm Michelsson zu beweisen versuchen und die die Dorfgemeinschaft gegen den Jungen aufwiegeln.
Jussis Angebetete wird ihm jedoch zum Verhängnis. Die schwangere Maria verrät den hoffnungslos verliebten Jungen in einem perfiden Intrigenspiel. Er wird verhaftet und man wird ihm den Prozess machen. Jussi soll der bärenstarke Frauenmörder sein. Der Propst wird ihn vor Gericht verteidigen.  Aber es sieht schlecht aus für den geschundenen Jungen.

Niemi erzählt eine wahre Räuberpistole, eine Geschichte von Liebe und Verrat, den historischen Roman der Erweckungsbewegung in Nordschweden. Gewalt, Hunger, Alkohol, Aberglaube und Gottesfurcht, Verrat, Wunder, übelste Seilschaften, Dreck, Armut und Verzweiflung – ein irrwitziges Gemisch. Er lässt ein Zeit- und Menschenbild vor unseren Augen entstehen, das bei aller historischen Entrücktheit mehr als nur eine Handvoll aktuellster Gegenwartsbezüge zu enthalten scheint. Er erzählt von der Wahrheit, die als Lüge bezeichnet wird, und von der Lüge, die zur Wahrheit erhoben wird. Das kommt uns doch mehr als bekannt vor, oder?!

Glücklich darf sich schätzen, wer das Leseerlebnis noch vor sich hat. Ihn oder sie erwarten einmalige Bilder, Gerüche, Charaktere, Atmosphäre … kurzum: ein wahrhaftig unglaubliches Gesamtkunstwerk, in dem man eine alte neue, faszinierende Welt kennenlernt. Nur eins bleibt rätselhaft: Wie man einen Bären kocht.

 

ISBN 978-3-422-75800-5

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© Peter Cremer / Mai 2020

19 || T. Nagelschmidt: Arbeit

Foto: Peter Cremer

Thorsten Nagelschmidt

Arbeit

S. Fischer

 

Erster Versuch:

Fehlt nur noch, dass da gleich Karl Schmidt um die Ecke kommt und zusammen mit Herrn Lehmann ansteht vorm Lobotomy. Wer reinkommen will, muss an Ten und Sven vorbei. Vielleicht kommt Axel Ranisch auch noch dazu und fängt unvermittelt an, aus ‚Nackt über Berlin‘ vorzulesen? – Mann, Nagelschmidt! Und warum dieses fiese Rainald-Goetz-Bashing? Total uncool. Bist doch selbst irre. Und vielleicht auf dem Weg zum Posterboy des Feuilletons? Schreibst du vielleicht über dein eigenes Buch, wenn du von auf Buchlänge aufgeblähter Authentizitätspoesie schwadronierst? (S. 264 f.) Vorsicht auch mit der Anti-Thalia-Pose. Ist zwar nicht gerade mein Lieblingsbuchladen, aber die verkaufen Bücher, auch deine, und das nicht zu knapp. Und da arbeiten viele gute Leute. Also, Nagelschmidt, sei nicht so agro-eitel. Jan Brandt hast du begeistert (steht auf der U4): Jedes Kapitel ein Feuerwerk am Nachthimmel.“ Naja, Feuerwerksraketen verglühen ratzfatz.

Zweiter Versuch:

Bei ‚Abfall der Herzen‘ habe ich so viel mehr lachen können. Möglicherweise stehe ich mehr auf Niederrhein-Heimatliteratur als auf Großstadtsymphonie. Dabei hat er`s ja drauf, der Thorsten Nagelschmidt. Eins A-Szene-Sprech. Mikro reingehalten ins Getümmel und mitgeschnitten. Und den Mitschnitt lese ich jetzt. Heißt ARBEIT. Nighthawks. Zig Schauplätze. Zig Figuren. Zig Schicksale. Zig Ausschnitte. Eine Nacht im Leben aller. Montagetechnik. Auf- und Abblende. Döblinlike. Kann er gut, der Nagelschmidt. Bleibt aber auch irgendwie Stückwerk. Irgendwie unfertig. Momentaufnahme halt. Und manchmal übertreibt er’s auch. Da bräuchte ich einen Dolmetscher, damit ich verstehen kann. Dann wieder Bilder, bei denen ich frohlocke: „Gelb wie Eiter fällt das Licht durch die Fensterfront auf die Straße.“ (S. 138) Nagelschmidt hat’s drauf. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht. Was stört mich da nur?  Ist er vielleicht ein Poser?

Dritter Versuch:

Anruf in der Buchhandlung: Wird der neue Nagelschmidt pünktlich ausgeliefert, trotz Corona? – Ja, ist da, lege ich dir zurück, sagt mein Eifelbuchhändler Thomas Pavlik. Also schnell mal nach Kall fahren (Norbert-Scheuer-Country) und das Buch abholen.
Sieht gut aus, schön gemacht, gerader Rücken, tolles Cover-Foto, signalgelbe Schrift, liegt super in der Hand. Die Aufmachung erinnere ihn an Titel, die ich vor längerer Zeit bei ihm gekauft habe, auch ein junger deutscher Autor, bei Piper, glaube ich, sagt Thomas. Wir überlegen beide. Aber der Name fällt uns nicht ein. Später schreibt er eine Mail: Jens Eisel.
Stimmt, denke ich. Passt: Stimmung, Thema, Anmutung.
Und los geht es mit der Lektüre. Irre. Nagelschmidts Sprache. Wo nimmt der das nur her? Man ist sofort drin. Berlin bei Nacht. Drogen, Gewalt, Disco, Späti, verlorene Seelen. Soundtrack der Großstadt. Figuren, die so echt wirken. Aus dem Leben. Kaum ausgedacht. Mannomann. L.A.-Crash, Short Cuts … Filme aus anderen Welten und Zeiten kommen mir in den Sinn. Sagenhaftes Tempo, Kreuzberg, Mitte, Prenzlauer Berg. Dealer, Taxifahrten, auf Streife, mit dem RTW unterwegs, Hostel-Life (Hommage an Willy Vlautin), im Buchladen (Antiquariat) mit Ingrid, die nachts mit ihrem Lastenfahrrad Pfandflaschen aufsammelt, Türsteherwelten … „Hey my friend, you need something? Marihuana, Hasch, Coke, Spice? Der Fußballplatz, Müllberge, Rauchschwaden. Ein Streit zwischen zwei Männern: Nimm den Scheißköter an die Leine! Ein Rascheln im Gebüsch, vielleicht Ratten, vielleicht einTicker. Psst, psst, wie geht’s? Kopf zwischen die Schultern und geradeaus weiter, dem unsichtbaren Ball hinterher, raus aus dem Park.“ (S. 142) So geht das. Pausenlos. Und zwischendrin: Shine on you Crazy Diamond 1-5 und Gilmours Stimme WISH YOU WERE HERE. „Das Licht brennt, die Luft steht.“ (S. 253)
Den würde ich gern kennenlernen, diesen Nagelschmidt. Um dann was mit dem zu bereden? Weiß nicht, irgendwas, Nächte in der Eifel oder sowas. Egal. Irgendwas reden halt.

Ganz am Ende kommt die Straßenreinigung. Sabrina und ihre Küpperweisser. Mit entspannten 24km/h die Schlesische Straße runter … Und dann ist der Berlin-bei-Nacht-Trip vorbei. Sabrina schiebt „die tote Ratte mit spitzem Fuß von der Brücke. Ein dumpfes Klatschen, und das Häuflein FuM (= Fell und Matsch) verschwindet in der trüben Suppe des Kanals.“ (S. 334)
Heute Abend wird es wieder losgehen. Eine weitere, eine andere Nacht … Aber das wäre dann ein anderer Roman.

 

ISBN  978-3-10-397411-9

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© Peter Cremer / Mai 2020

18 || G. M. Oswald: Vorleben

Foto: Peter Cremer

Georg M. Oswald

Vorleben

Piper

 

München. Der gefeierte Cellist Daniel befindet sich auf einer Tournee im europäischen Ausland. In seiner renovierten Jugendstilwohnung in der Glockenbachgasse: Sophia, derzeit Geliebte und möglicherweise demnächst Ehefrau Daniels. Sie ist freie Journalistin, eher mäßig begabt, hat die Texte für eine Jubiläumsfestschrift der Münchener Symphoniker geschrieben. Daniel hatte seinerzeit das Auswahlinterview für die Auftragsvergabe mit ihr geführt. Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Die beiden wurden schnell ein Paar. Sophia zog dann bald in Daniels schicke Penthouse-Wohnung. Beide leben im Hier und Jetzt immerwährender Gegenwart. Und der Künstler Daniel redet der Journalistin Sophia gut zu, ebenfalls den Weg zur Künstlerin einzuschlagen. Sie soll einen Roman schreiben. Ganz in Ruhe. Er wird sie unterstützen. Immer. Sie soll sich Zeit nehmen für ihr Projekt.

Dann bricht er auf zur Tournee. Sophia ist allein in der Wohnung. Schreibblockade. Keine Ideen. Das wird wohl nichts mit dem Roman. Sie fängt an, die Wohnung zu erkunden. Daniels Arbeitszimmer ist nicht verschlossen. Fotoalben und handgeschriebene Tagebücher wecken Sophias Neugierde. Sie stöbert und entdeckt verblichene Polaroids, die Daniel und eine junge Frau zeigen. Diese Frau hat sie doch schon einmal gesehen. Und irgendwann fällt es ihr ein. Da gab es ein Foto in einem alternativen Stadtführer. Eine Tänzerin. Nadja. In welcher Beziehung steht oder stand sie zu Daniel? Wieso die Fotos im Album? So endet die immerwährende Gegenwartsidylle, denn eine Tür öffnet sich und weist einen geheimnisvollen Weg in eine dunkle Vergangenheit. Sophia hat Skrupel. Begeht sie nicht einen schlimmen Vertrauensbruch? Darf sie Nachforschungen anstellen? Welches Geheimnis verbirgt Daniel? Welches „Vorleben“ hat der begnadete Künstler? Ist das Leben, das Sophia und Daniel einander „vorgelebt“ haben, nur Fassade? Der Roman erzählt die ganze Geschichte. Das Leben vor dem Leben. Das Vorleben eben.

Oswald hat seinen Dürrenmatt gelesen. „Eine Geschichte ist so lange nicht zu Ende erzählt, bevor sie nicht ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ (S. 206) Mit Dürrenmatts Diktum offenbart der Erzähler das Bauprinzip des Romans. Abgründig und eminent spannend entwickelt die mitreißende Geschichte des vermeintlichen Traumpaares Sophia und Daniel einen Sog, dem sich kein Leser wird entziehen können. Und wie in all seinen früheren Romanen stellt der Jurist Oswald auch in „Vorleben“ die Frage nach Schuld, Strafe, Rettung und Vergebung. Diesmal mit einem zwar erwartbaren,  aber dennoch verblüffenden Ergebnis.

Der Roman wird verfilmt werden, wie auch schon andere Texte Oswalds. Erinnert sei an die furiose Verfilmung von „Unter Feinden“ mit Fritz Karl und Nicholas Ofczarek als ungleichem Ermittlerduo. Beide sollten die Figur des Daniel kongenial interpretieren können. Für die Rolle Sophias, da sehe ich Petra Schmidt-Schaller oder Franziska Weisz schon vor mir … Oswalds atemberaubend abgründige Liebesgeschichte könnte auch ein echtes Filmereignis werden. Warten wir’s ab. Bis dahin heißt es: Oswald lesen. Übrigens auch alle früheren Veröffentlichungen des 1963 geborenen Ausnahmejuristen.

 

ISBN 978-3-492-05567-3

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© Peter Cremer / April 2020

17 || T. Garcia: Das Siebte

Foto: Peter Cremer

Tristan Garcia

Das Siebte

Wagenbach

 

„Plötzlich bemerke ich an den Toren meines Gehirns das Totengeläute der Embolie … Der Augenblick ist gekommen: Der Tod ist da … war’s das?, frage ich mit leiser Stimme in dem leeren und stillen Zimmer.“ (S. 46f.)

Nein, das war’s beileibe noch nicht. Denn das zweite Leben des Namenlosen Ich-Erzählers beginnt direkt nach seinem vermeintlichen Tod. „Ich lebe erneut.“ (S.43) Siebenmal wird die Wiedergeburt erfolgen. Siebenmal wird er bluten. Mit sieben Jahren zum ersten Mal. Zeichen seiner Unsterblichkeit – das Bluten. Siebenmal wird Fran, der Arzt, ihn treffen und ihm die Phiole mit dem blutstillenden Mittel reichen. Siebenmal wird er mit Hardy sein Leben teilen, wird sie ihm Freundin, Geliebte, Frau und schließlich Mutter zweier Kinder sein.

Halt, ich muss mich korrigieren. Nicht siebenmal, nur sechsmal. Im siebten Leben wird alles anders sein. Auch mit Fran und Hardy. Im siebten Leben blutet er nicht mehr. Bluten wird ein anderer. Unsterblichkeit gibt es nicht. Oder doch?

Und vorher: Der scheinbar ewige Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Auferstehung. Verbunden mit einer stetigen Vermehrung von Wissen, glänzenden Karrieren, Gewinnen des Nobelpreises, einer kurzen Karriere als politischer Führer und der Gründung einer Landkommune. Er wird zum Mörder, zum Heiler, zum Retter, zum Ermordeten. Doch letztlich bleibt es beim dauernden Stillstand im Fortschritt, kommt es zur endgültigen Lösung durch die Gewissheit, dass alles immer wieder aufs Neue beginnen wird. Deshalb sagt Fran einmal zu ihm: „Ruh dich aus … Genieße das Leben. Du hast ja Zeit.“ Doch er wird niemals zur Ruhe kommen. Er, der obwohl er zu lächeln versucht, Furcht einflößt und Angst auslöst, weil: „Ich hatte die leichenblasse Haut dieser wahrheitshungrigen Menschen, die zu lange nicht an der Sonne waren. (S. 82)

Was ist Garcias Roman? Philosophisches Denkspiel oder satirische Science-Fiction-Komödie? Blaupause einer für alle Zeiten ausweglosen Geschichte des Humanen oder literarische Fingerübung eines des Denkens müde gewordenen Philosophielehrers? In der Tat ist es so, dass der Leser sich mitunter an ein bekanntermaßen grüßendes Murmeltier erinnert fühlt, und doch verbietet es sich, den Roman als triviales Spiel um Traum und Wirklichkeit zu denunzieren. Stellen wir uns doch einfach die Frage, wie es wäre, wenn wir die Chance hätten, nach dem Ende einen Neuanfang gestalten zu können, sei es in Politik, Religion, Wissenschaft oder Kunst. Wäre das die Hölle? Wäre das das Paradies?

Der Ich-Erzähler findet schließlich die Antwort: „Plötzlich verstehe ich alles, von Anfang bis Ende. Wieso hatte ich nicht schon früher daran gedacht?“ (S. 292) – Und auch der Leser vermutet Antworten. Sicher kann er sich jedoch nicht sein. Ist er nicht vielleicht doch einem Scherz aufgesessen oder werden tatsächlich die Grundfesten aller Gewissheit durch den Roman nachhaltig zerstört?

Wenn Philosophen (wie Garcia) einen Roman schreiben, dann sollten die Leser auf alles gefasst sein. Auch auf das Gegenteil. Dies galt auch schon für den ebenfalls bei Wagenbach veröffentlichten famosen Erstling „Faber, der Zerstörer“.

„Das Siebte“ ist der außergewöhnliche Roman eines außergewöhnlichen Autors. Im Klappentext heißt es ganz richtig: Der Roman ist maßlos, komisch, humorvoll, sinnlich, brutal … ein in der Tat schwindlig machender Denkspaß.

 

 

ISBN 978-3-8031-3315-1

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© Peter Cremer / April 2020

16 || D. Eggers: Die Parade

Foto: Peter Cremer

Dave Eggers

Die Parade

Kiepenheuer & Witsch

 

Vier ist der Chef.
Zuständig für die RS-80.
Macht den Job seit vielen Jahren.
Die neue Straße: sein dreiundsechzigster Auftrag.
Er hat siebentausendfünfhundert Kilometer auf vier Kontinenten asphaltiert.
Er hält sich an die Regeln.
Ignoriert Einheimische.
Hat gleich Bedenken wegen des Neuen.
Der Neue: Neun.
Neun soll die Trasse frei halten.
Steine, Hindernisse, Menschen - wegräumen.
Mit dem Quad die Trasse auf und runter.
Verspätet sich schon am ersten Tag.
Ist ein Spaßvogel, ein Abenteurer.
Hält sich an keine Regel.
Essen, Trinken, Frauen, Kontakte aller Art.

Der Bürgerkrieg ist beendet.
Jubelstimmung. Wiederaufbau. Bestechungsgelder.
Die Straße soll den Norden mit dem Süden verbinden.
Sie muss schnell fertig werden.
Die Parade zur Einweihung ist schon terminiert.
Mit der RS-80 ist es zu schaffen.
Schnurgerades Teerband – in der Straßenmitte eine doppelte gelbe Linie.
Vier verrichtet sein Tagwerk: zuverlässig.
Neun nicht.
Vier überlegt, ob er Neun melden soll.
Ungeeignet. Muss weg. Austauschen.
Dann ist Neun plötzlich verschwunden.

Medaillon weiß Bescheid.
Er und Cousin informieren Vier.
Neun ist lebensgefährlich erkrankt.
Typhus? Malaria? Selber schuld?
Vier: zwiegespalten.
Retten oder verrecken lassen?
Nur noch wenige Kilometer bis zur Hauptstadt.
Gefühle? Erbarmen? Hilfe?
Vier bindet Neun fest; vorn auf der RS-80.
Weiter. Weiter. Immer weiter.
Dann ist die Stadt erreicht.
Neun ist fast wieder gesund.

Die Parade kann beginnen.
Vier schon im Flugzeug. Heimflug.
Weit unter ihm die Straße.
Soldaten. Panzer. Gewehre.
Eine Parade der Hoffnung.
Eine Prozession der Sehnsucht. (S. 172)
Doch dann …

 

 

ISBN 978-3-462-05357-9

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© Peter Cremer / April 2020

15 || C. Höhtker: Schlachthof und Ordnung

Foto: Peter Cremer

Christoph Höhtker

Schlachthof und Ordnung

Weissbooks

 

Und was ist das jetzt? Eine völlig durchgeknallte Endzeit-Dystopie oder ein todernst gemeinter Aufklärungs-Thriller? Eine Tarantino huldigende Gewaltgroteske oder doch nur ein ausgebufftes, eiskalt kalkuliertes Sci-Fi-Spektakel?

Eines ist sicher: Nichts ist sicher. Da kann man noch so viel Marazepam (Markenname Marom) schlucken. Das garantierte andauernde Gute-Laune-Feeling ist teuer erkauft. Mit lebenslanger Abhängigkeit. Meth und Crack und Heroin, alles Kinderkram im Vergleich mit Marom. Kein Witz. Ist so. Lesen Sie doch selbst.

Aber Vorsicht: Wem kann man noch trauen? Wer schreibt eigentlich den Roman, den sie gerade lesen. Etwa der Journalist Marc Toirsier auf seiner ‚Reise in die Mechanik des Sterbens‘? So heißt jedenfalls der Bericht, den er während des (versuchten) Entzugs in der Villa mit Meerblick zu schreiben versucht und der für seinen Chefredakteur beim Pariser Miroir bestimmt ist. In der Villa Mersault, Saint-Catherine sur Melons, auf der Grenze zwischen den Départements Gilotte und Nibe. Oder schreibt vielleicht doch der Romanautor ohne Veröffentlichungen Joachim A. Gerke. Und überhaupt: Welche Rolle spielt eigentlich ein gewisser Christoph Höhtker?

Der Letztgenannte mutet seinen Lesern viel Personal zu. Und dieses lässt er gleichzeitig auch noch auf drei verschiedenen Realitätsleveln agieren. Ist der Roman möglicherweise als gedrucktes Computerspiel zu begreifen? Man begleitet den einen oder anderen Charakter einige Kapitel lang. Und dann bricht plötzlich eine Gewaltorgie los. Blut, zerplatzende Schädel, Tod.

Wer hat geschossen, wer die Bombe platziert, wer bläst wem das Licht aus? Möglicherweise die GRF (Gesellschaft Rationaler Frauen): vorläufiges Primärziel =  totaler und allumfassender Weltuntergang. (S. 180) Oder doch die A.N.N.E. (Aktive Neo-Nazi-Entfernung, auch: Advanced Neo-Nazi Extermination, Anaerobe Nach-Nationale-Elemente … eine terroristische Vereinigung … eine aktions- und erlebnisorientierte Angriffsformation, deren Ziel die personelle Ausdünnung der in Ostdeutschland dominanten und weiter expandierenden Alltagskultur ist? (S. 181). Oder doch immer nur der ‚Vollstrecker‘ Thorsten Krey, der nur das eine Ziel kennt, zu Anne (A.N.N.E.?) Girardoux zurückzufinden, seiner multiplen Sehnsuchtsfigur (S.7), ebenfalls Journalistin beim Miroir, allerdings derzeit untergetaucht.

Das geht ab. Das ist eine Höllenfahrt, ein Horrortrip, ein Drogenmärchen mit bösest möglichem Ausgang. Da überschlagen sich die Ereignisse. Keine Zeit zum Durchatmen. Da verliert jeder jede Orientierung. Da verpasst uns der Text eine besonders hohe Dosis Marom. Da wird die Geschichte zum ‚Pro- und Antipharma-Almanach … zu einer Reportage aus den Grenzbereichen der Fleisch- und Sinnherstellung.‘ (S. 382)

Die Lektüre von „Schlachthof und Ordnung“ kann mit unkalkulierbaren Nebenwirkungen einhergehen. Mögliche Risiken sollte Ihnen der Buchhändler Ihres Vertrauens ausführlich beschreiben. Vielleicht so: Darf ich Sie zu einem ganz neuartigen Aperitif einladen – Marazepam à la Höhtker im Weissbooks-Gewand … davon werden Sie nicht mehr loskommen, selbst wenn Sie‘s wollten. Das garantieren wir als Vertriebsstation von Winston Pharmaceutics and Medical Care (vormals). Inzwischen: Winston Health Solutions and Innovations Deutschland GmbH. Sie werden garantiert ein Problem bekommen. Und wenn ich ganz ehrlich zu Ihnen bin, es könnten auch gleich mehrere werden.

„Es besteht keine Hoffnung mehr. Auf gar nichts.“ (S. 19) 

 

 

ISBN 978-3-86337-180-7

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© Peter Cremer / April 2020

14 || D. Kurbjuweit: Haarmann

Foto: Peter Cremer

Dirk Kurbjuweit

Haarmann

Penguin

 

Warum hat der Verlag (oder vielleicht der Autor selbst) als Titelzusatz ‚Kriminalroman‘ auf SU und Titelseite drucken lassen? Was bezweckt die Genreklassifizierung? Möchte man ein ganz bestimmtes Publikum ansprechen? Handelt es sich möglicherweise um eine Verbeugung vor dem Niveaustufenmodell bundesrepublikanischer Literaturbetrachtung, indem der Roman so der Schublade ‚Unterhaltungsliteratur‘ zugeordnet werden soll? Oder spielen Autor und Verlag ein ironisch subtiles Spiel mit dem Leser, dessen vorgefertigte Erwartungshaltung gründlich in eine falsche Richtung gelenkt werden soll?

Letztlich ist es gleichgültig, welche Antwort ich mir zurechtdenke. Denn Dirk Kurbjuweits ‚Haarmann‘ ist ein rundherum geglückter Roman, der E und U aufs Trefflichste miteinander verbindet.

Die Story ist hinlänglich bekannt: Fritz Haarmann, Serienkiller im Hannover der 20iger Jahre des letzten Jahrhunderts, wird seiner unglaublichen Taten über- und schließlich seiner verdienten Strafe zugeführt: Hinrichtung durch das Fallbeil. Warum sollte die Geschichte dieses Kriminalfalls im Jahre 2020 noch (oder wieder) lesenswert sein? Wo doch jedwedes Serien-Streaming-Portal Serienkillergeschichten en masse anbietet?

Drei Gründe möchte ich aufführen, die die ‚Notwendigkeit‘ der Lektüre von Kurbjuweits Kriminalroman evident machen sollen.

Da sind zum einen die Stil- und Montagetechnik des Autors, der seine Doku-Fiction mit einer Vielzahl von originalen Textdokumenten anreichert, diese jedoch so in seinen Text integriert, dass der Eindruck eines ganzheitlich komponierten Stückes Literatur aus einem Guss entsteht.

Dabei erleben wir zum anderen den Fall Haarmann aus der Perspektive des Ermittlers Robert Lahnstein. Und dieser Ermittler ist das wahre Zentrum des Romans. Lahnstein ist eine gebrochene Persönlichkeit, deren traumatische Welt- und Kriegserfahrungen prägend in die erzählten Geschehnisse hineinreichen. Lahnstein will mit all seiner kriminalistischen Intelligenz den Albtraum des fortgesetzten Mordgeschehens beenden und ist doch nur Spielball der Zeit, in der er lebt und der er nicht entkommen kann. Diese Zeit, das ist die frühe Weimarer Republik, Hitlers zunächst gescheiterter Münchener Putschversuch, des Erstarken des Nationalsozialismus, die Intrigenwelt staatlicher Behörden -  dieser allgegenwärtige Tanz auf dem Weltvulkan macht aus der Serienkiller-Geschichte eine beeindruckende Milieustudie des historischen Augenblicks unmittelbar vor dem endgültigen Scheitern der Weimarer Republik.

Und leben wir heute nicht auch in Zeiten, in denen sich so vieles unweigerlich und dauerhaft zu verändern scheint? Pandemie, Migration, KI, Klimakrise, Gefährdung demokratischer Systeme, Populismus heißen die aktuell hoch gehandelten Stichworte.

In der Geschichte des ‚Totmachers Haarmann‘ sind einige der gegenwärtig zentralen Seins-Probleme im Ansatz grundgelegt. Insofern entwirft Kurbjuweits historischer Roman ein Welt- und Sittenbild allerhöchster Aktualität.

Dem Urteil der ‚Weltwoche‘ möchte ich mich deshalb vorbehaltlos anschließen: „Nicht bloß im Leben, auch in der Welt der Bücher gibt es zuweilen überraschende Glücksfälle. Kurbjuweits Bücher sind glänzend geschrieben, klug gebaut und aufregend zeitnah.“ (Klappentext / U2)

 

 

ISBN 978-3-328-60084-8

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© Peter Cremer / April 2020

13 || L. Seiler: Stern 111

Foto: Peter Cremer

Lutz Seiler

Stern 111

Suhrkamp

 

… nun doch froh, den Roman ganz gelesen zu haben. Mittendrin wollte ich aufhören. Ganz schön anstrengend! Berlin 1989, Wendezeit, Anarcho-Szene-Ost, Schönhauser Allee und Oranienburger Straße, Abbruchhäuser, die Assel eines davon, höhlenartige Labyrinthe als Keller, Hausbesetzer … und Carl Bischoff (Lutz Seiler?) mittendrin und immer dabei. Aus Gera gekommen, mit dem Shiguli des Vaters. Das Auto, so eine Art Russen-Fiat, viel Chrom, Wohnstatt und Fahrzeug zugleich für Carl. Die Eltern auf und davon, raus aus Gera, erstmal nach Gießen, Auffanglager für Ost-Flüchtlinge, von da aus getrennt weiter, später dann doch wieder zusammen. Daran ist Bill Haley nicht ganz unschuldig und auch ein Akkordeon spielt eine ziemlich wichtige Rolle. Und in Berlin kommt Carl endlich mit Effi zusammen. In die ist Carl schon seit Schulzeiten verliebt. Die heißt aber gar nicht Effi. Und die hat ein Kind von Rico, der dann auch noch in die Assel einzieht, in die Wohnung gleich gegenüber von Effi und Carl. Und dann ist da noch Dodo, die Ziege (die vielleicht sogar sprechen kann) und deren Milch geradezu ein Wunderheilmittel ist. Zu Dodo hat wiederum Hoffi, auch ‚der Hirte‘ genannt, eine ganz besondere Beziehung. Hoffi ist der Hauschef. Und er rettet Kleist vorm Selbstmord, stürzt dabei aber selbst ab und ist seitdem nicht mehr der alte, bis er schließlich völlig verschwindet, nachdem er immer durchsichtiger geworden ist. Wassili sollte auch noch erwähnt werden, der Russengeneral, und vielleicht auch noch Nora und ihr Freund Ralf, der dann tatsächlich den Abflug macht und danach tot vor der Eingangstür der Assel liegt …

Unmöglich, Seilers Wenderoman nacherzählen zu wollen. So viele Episoden, so viele Personen, so viele Gedanken (-splitter und -sprünge), die muss sich jeder tatsächlich selbst er-lesen. Und das zieht sich mitunter ganz schön. Will ich das wirklich alles so ganz genau wissen? Akribisch genau mitstenographiert vom Erzähler, der ein Lyriker werden will und der dann tatsächlich auch ein paar Gedichte in einer Art Assel-Anthologie veröffentlichen wird. Und dem Lyriker bedeuten die Wörter ja bekanntlich viel mehr als bloß genaues Mitschreiben dessen, was gesehen und erlebt wird. Wie schon gesagt: mitunter anstrengend, die Lektüre. (Ein lyrischer historischer Roman?)

Carl hätte eigentlich in Gera bleiben sollen, als dauernde Nachhut in der Wohnung der Eltern, für den Fall, dass sie doch zurückkehren sollten. Der Plan geht nicht auf. Die Eltern finden Arbeit und Wohnung im Westen, Carl in Ostberlin.

Stern 111 (übrigens der Name eines Radiogerätes) erzählt die zweigeteilte Familiengeschichte der Bischoffs. In zahlreichen Briefen berichtet Carls Mutter Inge von ihrer West-Odyssee mit Walter. Alle geschickt an die alte Adresse in Gera und von dort aus von der Postfrau, dem Spatz von Avignon, Frau Bethmann (S. 80) an Carl weitergeleitet.
Als Computerprogrammierer (mit eigenem Mercedes) bzw. als Zugehfrau bringen die Bischoffs es zu (bescheidenem) Wohlstand und sparen ein kleines Vermögen zusammen. Denn: Ein ganz großer Aufbruch steht noch bevor.

Während die Eltern also im Westen Fuß fassen, wird Carl Teil des Asselsystems im Berliner Osten. Beide Erzählstränge laufen schließlich zusammen. Wie,  das soll hier nicht ausgeplaudert werden. Nur so viel sei verraten: Rock 'n' Roll hat dabei ganz eine wichtige Funktion, denn der stirbt ja bekanntlich niemals (das hat so jedenfalls Neil Young aufgeschrieben), und ein Song der Beatles muss schließlich auch noch gesungen werden. Ehe dort, wo alles angefangen hat, in Gera nämlich, die Geschichte weitergehen könnte, nachdem sie zu Ende erzählt ist.

Das können nur wenige Schriftsteller: Die Welt erzählen, indem sie verrätselt wird.

Lutz Seiler ist einer von denen. Stern 111: Welt-Literatur aus der deutschen Provinz. Unbedingte Leseempfehlung.

 

 

ISBN 978-3-518-42925-0

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© Peter Cremer / April 2020

12 || J.-C. Wagner: Sommer bei Nacht

Foto: Peter Cremer

Jan-Costin Wagner

Sommer bei Nacht

Galiani Berlin

 

Eben war er noch da. Jannis. Hatte das Playmobil-Piratenschiff abgegeben. Für den Flohmarkt in der Grundschule. Mit ihm unterwegs: Lea, die Mutter, und Sarah, die Schwester. Die hatten den Kleinen nur für einen kurzen Moment aus den Augen verloren. Und jetzt ist er weg. Ben Neven und Christian Sandner treffen ein. Die beiden Ermittler. Da liegt ein Stoffbär auf dem Tisch. So einer würde Jannis gefallen. Da stimmt etwas nicht. Da war doch ein Mann. Mit zwei Teddys. Und jetzt liegt da nur einer. Überwachungskamera. Unscharfe Bilder. Ein Mann, ein Junge, der einen Teddy in der Hand hält. Jannis? Das Team von Malvi beginnt mit der Ermittlungsarbeit. Lederer ist dabei. Und Landmann auch. Ein Kollege von früher. Nicht mehr im regulären Dienst. Hat besondere Fähigkeiten. Profiler. Eine Tochter. Anna. Von der hat er schon seit längerer Zeit keine Nachricht. Düstere Vorahnung bei Landmann. Und dann sind da noch Holter, der Hausmeister der Wohnanlage, der während des Sommers im Wohnwagen wohnt, und Marko, Mieter im Hochhaus, hilft Holter manchmal bei kleineren Arbeiten. Marko hat ein Problem. Ein sedierter Junge in seiner Badewanne. Holter wird eingreifen müssen. Dann später: Hinweise aus der Bevölkerung. Führen in Sackgassen. Neven und Sandner im Gespräch mit Holter und Marko. Eine Spur, die ins Leere läuft.  Wie so oft. Da macht Holter einen Fehler.

Jan Costin Wagner ist ein Meister der Parataxe. Kurze Sätze, mit denen er das Geschehen erzählt. Das erzeugt ein ungeheures Tempo. Atemlosigkeit. Ständig wechselnde Perspektiven in den kurzen Kapiteln. Die Namen der jeweiligen Protagonisten als Überschriften. Schnell ist klar: Das sind die Guten, das sind die Bösen. Aber die Grenzen verschwimmen. Ein Geheimnis bei Neven. Warum beantwortet Landmanns Tochter keine SMS? Parallelen zu einem Fall aus Österreich. Auch da ist vor mehr als einem Jahr ein Junge verschwunden. Ein Teddy. Migrantenmilieu. Wie laufen die Fäden zusammen?

„Dichter Wald, aber dann, urplötzlich ziehen sich die Bäume zurück, wie auf ein stilles Kommando, und die Lichtung tut sich auf. Christian stoppt den Wagen. Ben steigt aus. Der Ort fühlt sich ungeheuer vertraut an. Weil er so fremd ist. … Fragen beantworten können, denkt er. Lehnt sich noch weiter zurück, lehnt sich an, beginnt zu weinen.“ (S. 308 ff.)

Nicht jede Metapher funktioniert, nicht jede Figur überzeugt, nicht jedes Handlungselement ist stimmig – und doch: Sommer bei Nacht belegt einmal mehr, dass es gut steht um die deutschsprachige Spannungsliteratur. Friedrich Ani, Georg M. Oswald, Stephan Ludwig, Jan Costin Wagner … Brisante Themen unserer aktuellen Gegenwart werden überzeugend aufbereitet. Was will man mehr?

 

 

ISBN 978-3-86971-208-6

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© Peter Cremer / April 2020

11 || J. Schimmang: Mein Ostende

Foto: Peter Cremer

Jochen Schimmang

Mein Ostende

Mare Verlag

 

… und dann wird gemeldet, dass die 20. Lit.Cologne abgesagt ist. Ganz Italien und auch ganz Spanien sind zu Sperrzonen erklärt worden. Österreich schließt seine Grenze nach Italien. Tschechien macht dicht, Polen und Dänemark auch. Europa in Quarantäne. Ist Belgien noch offen? Kann man da noch hin? Auch wenn das Auto ein Kennzeichen hat, das den Fahrer als Menschen ausweist, der aus NRW (einem Corona-Risikogebiet) anreist? Was für Zeiten! Oder sollte ich mir derlei Gedanken gar nicht machen? Stattdessen zum Bücherregal gehen und nach einem Text greifen, der mir eine Reise im Kopf ermöglicht? So ganz ohne darüber nachdenken zu müssen, ob irgendwelche Viren meine Reise verkomplizieren könnten.

Ob ich die belgische Küste besuchen soll? Möglicherweise Ostende? Zusammen mit Jürgen Becker, mit Volker Weidermann oder womöglich mit Jochen Schimmang? Ich beschließe, dass Jochen Schimmang mein Begleiter, mein Reiseführer, mein Stadtführer werden soll und nehme das schmale Bändchen zur Hand, das soeben im Mare Verlag erschienen ist.

Und beim Lesen erfahre ich ALLES über Ostende. Wie das Land dem Meer abgetrotzt wurde, wie erste Siedlungen entstanden sind, wie und wann welche Bewohner dem einst mondänen Seebad ihren Stempel aufdrückten. Davon, wie die Pest wütete, für welche Könige, Politiker und Künstler Denkmäler errichtet wurden, wie Kriege, vor allem die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, das Gesicht der Stadt für immer verändert haben, aber auch, welche Auswirkungen das Ende des Fährbetriebs nach England hatte.

Zusammen mit Jochen Schimmang schlendere ich über Promenaden und durch Geschäftsstraßen, kehre mit ihm ein zum Essen, zu Kaffee und Gebäck, schaue mit dem Erzähler aufs Meer. Immer muss er auf das Meer schauen, sehn-süchtig der Urgewalt des Wassers entgegenträumen, allein auch schon deshalb, damit er die architektonischen Sünden des eher schmucklos missglückten Wiederaufbaus der Stadt nach dem 2. Weltkrieg nicht ständig vor Augen hat. Denn eines ist Ostende ganz besonders: hässlich.

Die 'reine des plages', die Ostende noch bis in die 30iger Jahre des letzten Jahrhunderts war, ist für immer untergegangen im Bombenhagel. Solange Ostende „im königlichen, aristokratischen und großbürgerlichen Glanz erstrahlte, solange die prachtvolle Flucht der Hotelfassaden und des Kurhauses an der Promenade und die schönen Häuser im Stadtinneren noch ein Ensemble bildeten, solange jährlich zur Sommersaison die Schönen und Reichen von der Stadt Besitz nahmen, war es hier sicher nicht möglich, sich zu verstecken, weil das mondäne Seebad eben das genaue Gegenteil verlangte: den großen Auftritt. Mit der Verhässlichung der Stadt durch den Krieg und die Bautätigkeit in der Zeit danach änderte sich das radikal.“ (S.138 f.) Und doch: Von Köln mit dem Zug anreisend (früher noch ohne lästiges Umsteigen in Brüssel) wird Ostende Schimmang zum idealen Zufluchtsort seiner kleinen Fluchten. (S.138)  Denn die Stadt ist ihm ein transitorischer Ort, eine Grenzregion, in der Land, Meer und Himmel eins werden. Ein idealer Ort, um sich der eigenen Nachdenklichkeit auszuliefern.

Der Leser nimmt teil an Schimmangs Gedankenfluchten. Und so erfahren wir von den Verbrechen des königlichen Monsters Leopold II., der Geburt des belgischen Dokumentarfilms durch Henri Storck, Marvin Gayes Tagen in Ostende und Simenons Küstengeschichten, der Beschreibung der Bade-Kultur durch die Jahrhunderte … all das (und noch viel mehr) findet Platz im Reise-Memoir des inzwischen in Oldenburg lebenden Jochen Schimmang. Und so ganz nebenbei liefert er auch noch eine Art Exposé für einen Ostende-Kriminalroman ab (‚Phantasien im Gläsernen Bunker‘). Gregor Korff heißt der Protagonist, den Schimmang-Leser schon seit geraumer Zeit kennen. Der Rezensent wünscht sich jedenfalls sehr, bald einen vollständigen Korff-Ostende-Roman zu lesen. Ganz bestimmt ein großes Lesevergnügen!

In „Mein Ostende“ beweist Jochen Schimmang (wieder einmal) aufs Neue, dass er ein Meister der präzis-lakonischen Beschreibung, der anteilnehmenden Zurückhaltung und einer meisterhaft ausgebildeten Sprachkunst ist. Seinen Text zu lesen, das ist ein 141seitiger Hochgenuss. Zwei kurze Kostproben zum Schluss mögen dies belegen:

Niemand, der bei ästhetischem Verstand ist, könnte das heutige Ostende als eine rundum schöne Stadt bezeichnen.“ (S.18)

Über Georges Simenon schreibt er: „Immer liefert er eine dichte Beschreibung, der man anmerkt, dass er nicht aus Angelesenem, sondern aus eigenen Beobachtungen und Erfahrungen schöpft. Die Wirklichkeit beginnt zu leuchten.“ (S.73)

Das gilt auch für Schimmangs Text: Er leuchtet!

 

 

ISBN 978-3-86648-298-2

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© Peter Cremer / März 2020

10 || D. de Vigan: Dankbarkeiten

Foto: Peter Cremer

Delphine de Vigan

Dankbarkeiten

DuMont Literaturverlag

 

Wie will ich leben? Wie lebe ich? Wie muss ich leben? - Wenig mehr als 160 Seiten genügen Delphine de Vigan, die elementaren Fragen unserer Existenz zu beantworten. Und dazu braucht es nur 3 Personen: Michèle Seld, genannt Michka, Marie und Jérôme.

Michka, die alte Dame, die immer mehr Wörter verliert und von einem Tag auf den anderen nicht mehr allein in ihrer Wohnung leben kann. Die junge Farbige Marie, seit kurzem ungewollt schwanger, betreut Michka schon seit geraumer Zeit und verschafft ihr einen Platz im Seniorenheim. Jérôme, der Logopäde, der zweimal in der Woche versucht, Michkas langsames Verdämmern und das Verschwinden der Wörter zu lindern.

Michka wird am Ende des Romans nicht mehr leben. Das erfährt der Leser schon auf der zweiten Seite: „Heute ist die alte Dame, die ich liebte, gestorben.“ (S.12) Marie ist es, die die Geschichte Michkas erinnert, die Geschichte, die von den letzten Wünschen einer alten Frau erzählt, die Geschichte einer vollständigen Entwurzelung, die Geschichte eines ‚endgültigen Ankerlichtens‘. (S.28) Maries Memoir ist ein langer Dankesbrief an die Frau, ohne die sie selbst vielleicht nicht mehr am Leben wäre (S.12), die ihr doch schon so oft geholfen hat, die sie gerade erst davon abbringen konnte, ihr Kind abzutreiben.

Michka lebt nun im Seniorenheim, hat oft Angst, kann sich nur noch unter größten Mühen bewegen, vergisst und vertauscht Wörter. Aphasie heißt ihre Krankheit. Das erklärt ihr Jérôme. Der außerdem zu ihr sagt: Das kriegen wir nicht gestoppt, aber auf jeden Fall verlangsamt. Kein Problem, Madame Seld. - Doch Michka weiß: Auch wenn sie sich Mühe gibt, nach den richtigen Wörtern sucht, alle Übungen macht - ihr Verschwinden, ihre Auflösung schreiten unaufhaltsam voran.

Manchmal erinnert sie sich an ihre Kinderzeit. Wie sie aufgewachsen ist in dieser französischen Familie. Ohne Mutter. Ohne Vater. Die waren verschwunden. Und wie sie später von der Tante aus Polen mitgenommen wurde. Ob ihre Beschützer aus der Kriegszeit wohl noch leben? Marie wird beauftragt, nach ihnen zu suchen. Jérôme wird sie finden. Aber das ist eine andere Geschichte … Und auch die erzählt de Vigan in diesem schmalen Roman.

Zuviel Stoff für so wenige Seiten? Weit gefehlt! Mitgefühl, Zuneigung, Dankbarkeit, Erinnerung, Schuld, Vergessen, darum geht es. Und dabei gelingen der Autorin Beschreibungen wie „… doch heute weiß sie, dass sie es zum letzten Mal tut. Sie besteht darauf, selbst abzuschließen. Sie weiß, dass sie nicht zurückkehren wird. Sie wird all diese Handgriffe nie mehr verrichten, die sie Hunderte Male wiederholt hat, den Fernseher einschalten, den Bettüberwurf glatt streichen, die Bratpfanne spülen, die Rollos wegen der Sonne herunterziehen, ihren Morgenmantel an den Kleiderhaken im Badezimmer hängen oder auf die Sofakissen klopfen, damit sie wieder eine Form annehmen, die sie längst verloren haben.“ (S.28)

Wir lesen ein todtrauriges, lebensfrohes Buch über das, was uns allen am Ende unseres Lebens bevorsteht. Keiner, der de Vigans Buch liest, ist gerettet, aber er ist vorbereitet. Auswege gibt es nicht.

Aber vielleicht haben ja auch wir noch Zeit, mit Jacques Brel einen Walzer im Hundertvierteltakt zu tanzen … Une valse à cent temps … (S.153), wenn es soweit sein wird.

Der Verlag schreibt auf der U4: „Ein zärtliches Buch über Menschlichkeit“ - stimmt!

 

 

ISBN 978-3-8321-8112-3

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© Peter Cremer / März 2020

9 || H. Schertenleib: Palast der Stille

Foto: Peter Cremer

Hansjörg Schertenleib

Palast der Stille

Gatsby / Kampa

 

… und wenn ich denn eine Hymne auf Hansjörg Schertenleib schriebe, sie müsste beginnen mit den Worten: Welt, lies dieses Buch – und du wirst gerettet sein. Schon die Widmungsseiten lassen es ahnen. T. S. Elliot wird zitiert, Brigitte (love, life, wife) gehört eine ganze Seite, am Ende entlässt uns Thoreau aus der Erzählung. Und ganz zum Schluss werden die ‚Komplizen‘ aufgelistet: Gregg Allman am Anfang, Jack Kerouac in der Mitte, Frank Zappa zum Schluss.

Der Stille gilt es, einen Palast zu bauen, im schneereichen Winter in Maine, in einem Reigen von (meist wohl biografischen) Geschichten. Während der Erzähler auf dem Weg zu jener Kiefer ist, von der aus er einen unvergleichlichen Blick auf die Bucht werfen kann, die der Atlantik geformt hat. „Kiefern sind die besten Übersetzer des Windes.“ (S.168) Kind sein und Jugendjahre, der keine Bücher lesende Vater, die Schriftsetzerlehre, die Zeit des Protests, der Umzug nach Irland, Weiterziehen nach Maine, ins Holzhaus, ins Cottage mit 57 Quadratmetern, die Frau, die Katze, die Vögel, die Bäume, der Wald, der Schnee, die Ruhe, die Stille.

Schertenleib bilanziert sein Leben in Form einer langen Meditation, erzählt von sich und Freunden, von Menschen, die seinen Weg kreuzten, von Gegenständen und Ereignissen, die ihn zu dem machten, der er heute ist. Der Holztisch, an dem er schreibt, der Stuhl, auf dem er sitzt, der Plattenspieler, der alte Singles klingen lässt … Im Palast der Stille hat jedes Ding seine ureigene Geschichte. Und alles alles alles will erzählt werden. Mal vom namenlosen Ich-Erzähler, mal vom neutralen Erzähler, der ihn beschreibt, wie er ein Ding in die Hand nimmt. Schertenleibs Sprache zu lesen, ist ein Hochgenuss. Sein Schwelgen in Metaphern, Bildern, Symbolen. Der beständige Wechsel zwischen nature writing, krassestem Realismus und romantischer Überhöhung. Und das alles auf nur 170 Seiten.

Was für ein wunderlich wunderbares Buch, welch schwere Leichtigkeit, kluge Naivität und wissende Ahnungslosigkeit. Ein Buch vom Innehalten und zugleich vom Aufbruch. „Früher ist mir die Zukunft als zauberhaft und als rätselhaft offen erschienen, als Verheißung und Abenteuer. Heute ahne ich: Die Zukunft bedeutet Tod, unweigerlich.“ (S.153) Schertenleib war „bereit, erneut ein anderer zu werden.“ (S.16) – Und dabei dürfen wir ihn lesend begleiten.

Deshalb, lieber Hansjörg Schertenleib, meine Hymne auf dich und dein Schreiben, auf ein literarisches Kleinod mit dem Titel Palast der Stille.

 

ISBN 978-3-311-21013-9

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© Peter Cremer / März 2020

8 || J. Coe: Middle England

Foto: Peter Cremer

Jonathan Coe

Middle England

Folio Verlag

 

Coes zweiter Roman bei FOLIO: ein Volltreffer! Witzig, zynisch, böse, entlarvend. - Der Roman zum Brexit-Drama. - Eine sarkastische britische Gesellschaftskomödie, die ganz beiläufig auch eine Sozialstudie der Silver Generation der heute knapp 60 Jahre alten Briten ist. Und auch eine Geschichte gescheiterter Multi-Kulti-Anstrengungen. Eine Satire auf den Literatur- und Elite-Universitätsbetrieb. Ein Insider-Roman in Sachen Tory-Labour-Dichotomie. Ein Roman geplatzter Lebensträume und gescheiterter Gesellschaftsentwürfe. Ein Zeitroman, der weit über seine erzählte Zeit hinausweist.

Verpackt in Erzählungen um die Familie Trotter, die im Brennglas eines sterbenden Mittelklasse-Mikrokosmos den British Way of Life in seiner ganzen tragikomischen Dimension vorführt. Und damit Deutungsmöglichkeiten für den Niedergang des einst so stolzen Königreiches aufzeigt. Ein Roman über die ‚englische Krankheit‘, die Benjamin Trotter (Literat, ehemaliger Mühlenbesitzer und schließlich provenzalischer Schreibschulmagister) am Ende in zwei Worte fasst: FUCK BREXIT! (463)

Doch bis ihm diese Erkenntnis dämmert, begleiten wir ihn, seine Familie, seine Schulfreunde und -freundinnen und einige der meistgehassten englischen Politiker (von David Cameron bis Boris Johnson) durch zahlreiche Irrungen und Wirrungen, die als Vorlage für ein vortreffliches Drehbuch gleich mehrerer Monty-Python-Filme dienen könnten (unbedingt mit John Cleese in der Rolle des Benjamin Trotter!).

Nur eine einzige Episode soll hier nacherzählt werden, stellvertretend für unzählige andere. Allesamt echte Glanzstücke britisch-literarischer Hoch-Komik. - Benjamin trifft ganz zufällig eine seiner wenigen ehemaligen Freundinnen. Mit Jennifer hatte er vor fast vierzig Jahren eine flüchtige Beziehung, die seinerzeit ebenso sang- wie klanglos endete. Nun werden sie jedoch erneut ein Liebespaar. Wobei sich das mit der Liebe als ganz schön schwierig herausstellt. Vielleicht könnte ein wenig Viagra helfen, meint Jennifer. Doch Benjamin hat eine andere Idee. Wie einst, eingeschlossen in einem Einbauschrank, möchte er zu alter Manneskraft zurück finden. Die beiden versuchen es, und Jennifer ist sehr erstaunt über die enorme Beschaffenheit von Benjamins Männlichkeit. Die Enge im Schrank führt jedoch zu völlig anderen Muskelkontraktionen als gewünscht, wobei außerdem eine große Wachskerze die Liebesbekundungen erfährt, die Benjamin entgehen. Weshalb er sich schließlich nicht länger wundern muss, dass sich nicht die gewünschten Ereignisse in den geheimen Regionen seines Unterleibs einstellen, sondern äußerst schmerzhafte Unterschenkelkrämpfe die Paarungszeremonie vorzeitig enden lassen. - Coe gelingt eine der wohl komischsten Beischlafszenen der (modernen) Literatur. Very british!

Telegraph und Guardian bringen es auf den Punkt: „Ein beeindruckender und herrlich komischer Roman. Brillant!“ Und dass Coe ganz nebenbei auch noch der seit den 70iger Jahren dauerhaft unterschätzten Prog-Rock-Gruppe ‚Hatfield and the North‘ (um den genialen Bassisten und Sänger Richard Sinclair) ein Denkmal setzt, freut den Rezensenten ungemein. Die Platten der Band (ganz besonders The Rotters Club) sind gleichsam der Soundtrack zum Roman.

Also: Coe - unbedingt lesen; Hatfield and the North - unbedingt hören!

 

ISBN 978-3-85256-801-0

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© Peter Cremer / März 2020

7 || M. Kumpfmüller: Ach, Virginia || K. Modick: Leonard Cohen

Foto: Peter Cremer

Michael Kumpfmüller

Ach, Virginia

Kiepenheuer & Witsch

 

Klaus Modick

Leonard Cohen

Kiepenheuer & Witsch

 

Lieber T.,

du hattest nachgefragt, ob ich Kumpfmüllers neuen Roman schon gelesen hätte. Du selbst seiest ja kein ausgewiesener Kenner der Texte von Virginia Woolf und deshalb an meiner Meinung interessiert. – Ich habe dir gleich gesagt, dass Virginia Woolf auch für mich eher terra incognita sei, mir aber die Aufmachung des Buches (Schutzumschlag und Vorsatzpapiere) recht gut gefielen und zudem Kumpfmüllers Kafka-Roman seinerzeit ja ein ganz außergewöhnlich guter Roman gewesen sei. Deshalb würde ich „Ach, Virginia“ sicherlich bald zur Hand nehmen …

… und das habe ich dann auch in die Tat umgesetzt. Und bin zwiegespalten. Ach, Michael Kumpfmüller. Dass er schreiben kann, dass er viel recherchiert haben muss und sich mit großer Teilnahme in die Gedankenwelt der kranken und todessüchtigen Virginia eingeschrieben hat: kein Zweifel! Und doch hätte ich „Ach, Virginia“ – wäre der Roman noch länger gewesen – wohl nicht bis zum Ende gelesen. Soviel Redundanz, soviel spekulative Innenschau, soviel Aussichtslosigkeit, und all das beim allseits bekannten Schlusspunkt. Dass ich dann aber doch drangeblieben bin und was mich nun doch im Nachhinein mit so mancher Länge wieder versöhnt, das ist der Umstand, dass Kumpfmüller schließlich doch aus dem formalen Gefängnis, Virginias Selbstmord zu erzählen, ausbricht und den Roman zum Denkmal für Leonard Woolf werden lässt.

Immer war der so ganz im Schatten der großen und berühmten Virginia lebende Leonard Teil der todtraurigen (Kranken-)Geschichte. Im Schlusskapitel ist er es dann, der die Regie übernimmt und aller Wehmut trotzt. Kumpfmüller gelingt da ein zutiefst versöhnliches Ende: „Alles in Ordnung bei dir? Ja, alles in bester Ordnung. … und eben das, so scheint ihm, ist das Glück. Man wartet, dass der andere ins Bett kommt, und tatsächlich kommt sie jetzt, und allein dafür hat es sich doch schon gelohnt, dass man überlebt hat.“ (S. 236) So Leonard zu seiner späten Liebe Trekkie.

Virginia Woolf hat sich das Leben genommen. Leornard Woolf überlebt. Und in der Erzählung ihrer beider Sehnen ist Kumpfmüller ein Roman über das Leben gelungen. Deshalb nun doch meine Leseempfehlung, besonders auch für Nicht-Kenner des Werkes von Virginia Woolf.

Und wie passt das jetzt zu Klaus Modicks Geschichte um Leonard Cohen?

Nun, um die Wahrheit zu sagen: gar nicht! Auch die Gleichheit des Vornamens der männlichen Protagonisten beider Bücher kann da keine Brücke bauen. Wobei: Bei Modick ist Leonard Cohen eigentlich kein Protagonist, sondern eher Impulsgeber, gleichsam Geburtshelfer für die zweigeteilte Erzählung um den jungen Lukas. Nach der Schwere von Kumpfmüllers Roman hatte ich Lust auf etwas Leichtes. Und auf etwas Kurzes dazu. Und weil ich die vertonten Gedichte Cohens mag und Modicks zuletzt erschienene Romane ebenfalls sehr geschätzt habe, habe ich also zum schmalen Bändchen aus der KIWI-Musikbibliothek gegriffen … und wurde von der ersten Seite an regelrecht in meine eigene Vergangenheit zurück- und hineinkatapultiert. Beatles, Stones, Kinks, Simon & Garfunkel. Pubertät und Abi-Stress. Gitarrengeklampfe. Feuchte Träume. Radiohören. Das Licht des Magischen Auges neben der Senderskala des alten Röhrenradios. Beomünster. Hilversum. AFN, BFBS. Als wäre das alles erst gestern gewesen. Und dann dieser Song von Leonard Cohen: Suzanne.

Klaus Modick ist gerade einmal vier Jahre älter als ich. Und er schreibt den perfekten Soundtrack meiner Jugend. In seinem nahezu makellosen Stil. Mit soviel Witz und Empfindsamkeit, dass es mich fast schmerzt. Ich jage ganz aufgeregt durch das schmale Buch: Disko-Abend, Norderney, Autoput, Griechenland, Mädchen, Frauen, Mädchen, das erste ungelenke Geknutsche, die Musik … und über und in allem: Leonard Cohen!

 

ISBN 978-3-462-04921-3 (Kumpfmüller)
ISBN 978-3-462-05380-7 (Modick)

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© Peter Cremer / Februar 2020

6 || A. Tuomainen: Klein Sibirien

Foto: Peter Cremer

Antti Tuomainen

Klein Sibirien

Rowohlt

 

Dunkelheit, verschneite Straßen, heftiger Wind. Menschen, Tiere, Autos: Fehlanzeige. Nur Tarvainen ist unterwegs, ehemaliger Profi-Rennfahrer, FAHREN ODER STERBEN lautet sein Mantra, immer schneller, die Tachonadel erklimmt nie dagewesene Höhen, weit hinten: die Felswand. Ob er den Aufprall überleben wird, immer schneller, und dann: rasender Stillstand. Ein riesiges Loch im Autodach, der Beifahrersitz zerfetzt, der Wagenboden zertrümmert. Lebendig und stockbesoffen rennt Tarvainen los.

SCHNITT

Joel vor der Tür seines Hauses. Er ist Pfarrer in Hurmevaara. Seit er in Afghanistan auf eine Mine getreten ist: zeugungsunfähig. Er muss mit Krista darüber sprechen. Die sich so sehr ein Kind wünscht. Wie kann er ihr die traurige Wahrheit beibringen? Wird sie ihn verlassen, wenn … Krista erwartet ihn schon. Steht in der Küche. Muss ihm unbedingt die große Neuigkeit mitteilen. Ihre Worte schlagen bei Joel ein wie eine Bombe: „Ich bin schwanger.“

SCHNITT

Finnland. Winter. Eisige Kälte. Schnee. Nacht. Wald. Sturm. Wortkarge Menschen.

SCHNITT

Nein, kein Nordlanddrama und auch kein bluttriefender Skandinavienkrimi. Sondern nach Die letzten Meter bis zum Friedhof und Palm Beach, Finland ist Klein-Sibirien der dritte Streich des genialen Antti Tuomainen: grotesk, temporeich, schwarzhumorig, menschlich … finnisch eben.

SCHNITT

Die Liste der lobenden Testimonials auf der Innenklappe ist lang. Einer der Hinweise macht mich stutzig, darin werden die Coen-Brüder erwähnt. – Wusste ich’s doch: Tuomainen ist der bisher verschwiegene dritte Bruder von Ethan und Joel Coen. Alle drei haben den gleichen Gen-Pool. Fink-Fargo-Lebowski-Zellstruktur.

SCHNITT

Dabei soll nicht verschwiegen werden: Von den bisher drei bei Rowohlt veröffentlichten Romanen ist Klein-Sibirien womöglich der am wenigsten spektakuläre. Zwar zeichnet sich das Personal erneut durch höchste Skurrilität aus, überschlagen sich mitunter die Ereignisse, sind die Verfolgungsjagden schier endlos, fließt der Schnaps zeitweise in Strömen, doch …

SCHNITT

Was ist nur los mit Jokinen, dem Lebensmittelhändler, mit Turunmaa, dem Kartoffel- und Steckrübenbauern, mit Räystäinen, dem Betreiber des örtlichen Fitnessstudios, die zusammen mit Joel den Wachdienst im kleinen Militärmuseum des 1200-Seelen-Dorfes versehen, seitdem dort der Meteorit verwahrt wird, der Tarvainens Selbstmordfahrt so jäh unterbrochen hat? Und was hat es mit den beiden Russen Grigori und Leonid auf sich, denen Karoliina vom Golden Moon Light Club schöne Augen macht? Soviel darf verraten werden: Es geht um „Gier, Mord und Tod“. (S. 319) Und natürlich um einen Schatz aus dem All, der mindestens 1 Million wert ist. – Die Jagd ist eröffnet, in Hurmevaara, also in Klein-Sibirien.

 

ISBN 978-3-498-00126-1

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© Peter Cremer / Februar 2020

5 || B. Bjerg: Serpentinen

Foto: Peter Cremer

Bov Bjerg

Serpentinen

Claassen

 

Schwieriger Einstieg. Drei Versuche. Normalerweise bin ich nicht so geduldig. Es gibt ja so viele andere Bücher, die gelesen werden wollen. Aber Auerhaus hat mich seinerzeit so sehr fasziniert, dass ich beim Nachfolger nicht gleich aufgeben will. Also: Hab‘ Geduld, Leser.

So nach und nach verstehe ich. Eine Reise, Vater und Sohn, Orte der Vergangenheit, Familiengeschichte, Gedanken- und Handlungssplitter. Das Ziel: Die Gegenwart verstehen, die Fehler der Vergangenheit nicht ein weiteres Mal wiederholen.

Kurvenreicher Erkenntnisweg. Serpentinen. Das dauert seine Zeit.

Viel Dialog. Kurze Beschreibungen. Parataxe. Fast schmucklos. Deshalb eindringlich. Das bleibt im Kopf. Der Roman wird zu einer langen Reiseerzählung ins Ich. Schonungslos. Erschreckend. Voller Gewalt. Verletzungen und Tod allgegenwärtig. Fast ein Mord. Ganz selten: heitere Momente.

Eine eindringliche Lektüre. Ein Roman, den ich mir erkämpfen muss. Anstrengend: ja. Die Lektüre: ein Bergaufstieg. Man gerät aus der Puste. Aber oben angekommen, ist der Ausblick phantastisch.

Ein Satz, den ich besonders mag: „Ich wusste immer bereits alles, doch ich vergaß es immer wieder neu.“ (S.255)

Bov Bjerg nimmt seine Leser mit auf eine sehr besondere Reise. Mitreisen lohnt sich.

 

ISBN 978-3-546-10003-8

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© Peter Cremer / Februar 2020

4 || S. Berg: GRM

Foto: Peter Cremer

Sibylle Berg

GRM

Kiepenheuer & Witsch

 

I.

Fragt M: Schon mal was von Sibylle Berg gelesen?

Sagt P: Das ist doch diese zerbrechlich schmale Frau mit den großen Augen, die so leise und eindringlich, scheinbar nach innen gewandt, provoziert? Hat die nicht erst letztens im Literarischen Quartett Norbert Scheuers schönen Roman Winterbienen in Grund und Boden kritisiert?

Fragt M: Was hat denn das mit meiner Frage zu tun?

Sagt P: Nix. Fiel mir nur so ein. Nee. Nie was von der gelesen. Die ist mir zu klug. Zu unheimlich. Weiß auch nicht.

Sagt M: Ist ein Fehler. Lies mal GRM.

Fragt P: Dieses Teil, das im Untertitel Brainfuck heißt? Und das den Schweizer Buchpreis 2019 bekommen hat? Nee. Keine Lust.

II.

Dann im Januar auf 3sat der Literaturclub des Schweizer Fernsehens. In dem Elke Heidenreich (sinngemäß) sagte, sie mag solche Bücher eher nicht. Aber dass sie sehr froh darüber ist, Bergs Buch nun doch für die Sendung gelesen zu haben. Das sei wie eine Granate gewesen, die sie verschluckt habe und die dann in ihr explodiert sei. Ein Ziegelstein, sagt Milo Rau in derselben Sendung. Und Nicola Steiner pflichtet ihm bei: Definitiv ein Buch, das bleiben wird. Eines, das unsere Zeit erzählt. Und dann liest der Schauspieler Thomas Sarbacher ein kurzes Stück ausdem Anfang. Ich halte den Atem an. Mein Gott! Das muss ich lesen!

III.

Der Ziegelstein liegt auf meinem Schreibtisch. 635 Seiten. Schon in der 7. Auflage. Und dabei ist das Buch noch nicht einmal ein Jahr auf dem Markt. Ich bin spät dran mit meiner Lesearbeit. Doch besser spät als nie. Und ich lese tatsächlich einen Roman, der wie eine Bombe ist. Lesen führt zu Explosionen. Im Kopf. Da hilft kein Kampfmittelräumdienst. Da muss man durch. Das ist nicht schön. Das schmerzt. Das ist wahr. Das tröstet nicht. Das ist die Welt. Unsere Welt. Und Sibylle Berg schreibt sie. Gnadenlos. Gut. Niemals zynisch, wie Elke Heidenreich meinte, aber sarkastisch. Ja, ich gestehe es gern: Gelacht habe ich auch. Oft. So ist das mit dem Grotesken. Man lacht. Aber das Lachen droht einem im Hals stecken
zu bleiben.

IV.

„Fucking Rochdale. Ein Ort, den man ausstopfen und als Warnung vor unmotivierter Bautätigkeit in ein Museum stellen müsste.“ (S.8) „Tod. Ein Zustand wie vor der Geburt.“ (S.87) „Entscheidungen sind die Illusion, Macht zu haben.“ (S.105) „Ein Reality-Star war Präsident in Amerika geworden.“ (S.184) „Sterbehilfe war verboten … Von Morgen an biss die alte Frau ihre Kiefer, Zähne waren da keine mehr.“ (S.186) Die Geschichte von Hannah, Peter, Karen und Don. Willkommen in der Welt von GRM. 

 

ISBN 978-3-85256-769-3

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© Peter Cremer / Januar 2020

3 || M. Brandt: Blackbird || J. Brandt: Ein Haus auf dem Land

Foto: Peter Cremer

Matthias Brandt 

Blackbird

Kiepenheuer & Witsch

 

Jan Brandt

Ein Haus auf dem Land – Eine Wohnung in der Stadt

Dumont Literaturverlag

 

Matthias und Jan: nicht verwandt, nicht verschwägert oder sonstwie verbunden! Nur der Nachname gemeinsam. Und: 2 Neuerscheinungen im Sommer 2019. Eigentlich 3. Aber dazu später. Romane, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide großartig. Obwohl …

Die elitäre Literaturkritik ist da a priori (vielleicht ohne genauer gelesen zu haben, wer weiß?) dezidiert anderer Meinung. So schreibt etwa Sigrid Löffler im Börsenblatt (24-2019): „Der Populismus hat das Buchgeschäft erreicht. Ich glaube, dass diese Käuferstudie (gemeint: Quo vadis, 2018) den Verlagen in die Knochen gefahren ist. Und sie jetzt panisch versuchen, irgendwelche Strategien zu entwickeln, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Buch zu lenken; das tun sie nicht mit literarischen Mitteln … das taktische Kalkül ist erkennbar, man will schmarotzen bei der literaturfernen Prominenz.“ Der FAZ-Literaturredakteur Jan (!) Wiele meint: „Die Verlage sollten sich schämen.“ Der Kölner Literurhändler Klaus Bittner ist sehr viel entspannter: „Da gibt es Schlimmeres, worüber ich mich aufregen würde.“ Und Jörg Magenau meint: „Wenn man auf prominente Namen setzt, ist das so eine Marketingnummer. Aber wenn es funktioniert? Ich habe da nichts dagegen.“

Könnte es aber nicht auch sein, dass der Roman von Matthias Brandt gerade deshalb funktioniert, weil es ein ganz und gar gelungenes literarisches Kunstwerk ist? Geschrieben von einer (eher selten gewordenen) Mehrfachbegabung: großer Schauspieler, hervorragender Autor?! Man stelle sich vor, er wäre auch noch ein ausgezeichneter Zeichner. Nicht auszudenken! Wäre das dann immer noch nur ein Marketing-Gag, ein Armin- Müller-Stahl-Defekt? – Unsinn, diese ganze Debatte! „Raumpatrouille“ war vielleicht noch Fingerübung? „Blackbird“ ist überzeugend erzähltes Erwachsenwerden. Von einem, der Sprache zu sprechen, zu schreiben weiß, der Wörter zu Bildern formen kann, die einem im Gedächtnis haften bleiben.

Die Straße, die Schule, die Lehrer, die Kinderfreundschaften, die Scheidung der Eltern, das Essen und die Gerüche, enge Wohnungen, der Umzug, die Liebe – die der Erwachsenen und die der Heranwachsenden – Jacqueline, die Unerreichbare, die kleine Steffi, die dann später die richtige Musik auf dem Kassettenrecorder abspielt … Bowie, Talking Heads, Mike Oldfield und Pink Floyd, Al Stewart und America, The year oft the cat und A horse with no name, diese Mädchenmusik, die Bogi so sehr liebte, Bogi, der eigentlich Manfred heißt (wie können Eltern ihr Kind nur so nennen?) und Morton, der von allen nur Motte gerufen wird … und der erzählt diesen wunderbaren Roman. Und weil unser aller Leben scheissenochmal endlich ist, muss auch vom Tod erzählt werden, und von der Leere, die er hinterlässt, nicht nur bei Begräbnissen, sondern überhaupt!

Und alles das kann der Autor Matthias Brandt und mit ihm sein Erzähler Motte zu Papier bringen, und wie! Man lese: Kapitel 17/Beerdigung, S. 252 ff.

Und der Namensvetter aus Ostfriesland? Wieso hat der gleich 2 Romane geschrieben und die dann in 1 Buch gepackt. Kann man so herum oder anders herum lesen. Verrückt. Und diese Fotos. Sind das überhaupt 2 Romane? Und was soll das mit den Fotos? Viele sogar ganz schön bunt. Sogar eines von Jan Brandt selbst: Porträt des Künstlers als junger Mann. (Stadtbuch, S. 153) – Hat einer den Verriss in der Kulturzeit in 3sat mitbekommen, von dieser FAZ-Rezensentin: unentschlossen, Dokumentation, zu lang, Fallstudie … jedenfalls kein Roman (nein, eben 2!, rufe ich ins Fernsehbild). In jedem Fall: misslungen, sagt sie, die Kulturtante.

Was für ein Quatsch! Jan Brandt sucht eine Wohnung (in Berlin): ein langer kafkaesker Albtraum. Jan Brandt möchte das Haus seines Urgroßvaters in Ihrhove (nicht weit von Leer) kaufen. Auch das ein Albtraum, aber weniger kafkaesk, eher sehr traurig, wegen der vielen Erinnerungen und der vielen Leute, die man noch von früher kennt, die jetzt bei der Bank arbeiten und einem keine Kredite vermitteln können, so von wegen der Sicherheiten und so. Andere sind Erzieher geworden, wieder andere Makler, nur Jans Bruder, der hilft, und die alten Eltern sowieso, aber das mit dem Hauskauf, das wird irgendwie nichts.

Zwei autobiographische Selbstversuche. Zwei Romane über das wirkliche Leben außerhalb von Romanen. Aber eben als Romane! Da liest man immer weiter, ist verzweifelt, lacht sich schlapp, wird wütend, hofft, ärgert sich, fiebert mit, steht Schlange bei den Wohnungs-Besichtigungen, kalkuliert Preise, schreibt Bewerbungsmappen (für Wohnungen!!), wird vertröstet … Sie hören ganz sicher von mir! – Und nie wieder hört man was. Albtraum eben!

Ja, und dann ist da noch das eine Kapitel im „Haus-Roman“. In dem träumt sich Jan Brandt weg durch die Jahrzehnte. Er ist gerade in den USA und besucht die Hinterlassenschaften des Bruders vom Urgroßvater, „legte eine Hand an die Steine und dachte an die Zeit zurück, als es (das Haus) gebaut wurde und schließlich dastand, wo es seitdem stand.“ (S.70) – und das wird dann über 30 Seiten lang zu assoziativer Weltgeschichtsprosa (S. 70 ff.) … und gehört mit zum Besten, was deutschsprachige Prosa in den letzten Jahren hervorgebracht hat!

Jan Brandt und Matthias Brandt: nicht verwandt, nicht verschwägert oder sonstwie verbunden. Beide haben sehr persönliche Erinnerungsbücher geschrieben, von denen eines sogar zwei in einem ist … Was Literatur alles kann: Lesen Sie doch mal selbst!

 

Matthias Brandt: ISBN 978-3-462-05313-5
Jan Brandt: ISBN 978-3-8321-8356-1

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© Peter Cremer / 2019

2 || B. Spinnen: Und alles ohne Liebe

Foto: Peter Cremer

Burkhard Spinnen

Und alles ohne Liebe

Schöffling & Co.

 

Von wegen ‚Und alles ohne Liebe‘! – Hier spricht ein Liebender; einer der besten und klügsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur; einer, der sich um Haaresbreite mit einer Arbeit über Fontane habilitiert hätte; einer, der dann doch Literat wurde und auf eine akademische Karriere verzichtete. – Und der doch hin und wieder seine literaturwissenschaftliche Leidenschaft aufblitzen lässt. Gott sei Dank! Denn das tut er völlig ohne Dünkel, professorales Gehabe, Fußnoten-Verliebtheit oder Zitierwut.

Spinnen setzt sich zum Ziel, Fontane – besser: die Frauengestalten der Berliner Romane – in ein neues, aktuelles, also gegenwärtiges Licht zu rücken. Und dabei die Sündenfälle der Oberstufendidaktik vergessen zu machen, die viele Leser wohl noch schmerzhaft erinnern werden.

„Offenbar war es dem Deutschunterricht nicht gelungen, Schülern des beginnenden 21. Jahrhunderts einen lebendigen Zugang zu [Fontanes Romanen] des späten 19. Jahrhunderts zu gewährleisten … In der Schule werden Fontanes Romane in kleine und kleinste Leseeinheiten zerschnitten, bis das Wesentliche des Textes gar nicht mehr erkennbar ist (10) … Der Richtungsanzeiger der Lektüre müsste von ‚Distanzierung‘ auf ‚Aneignung‘ gestellt werden. Effi wäre dann nicht das siebzehnjährige Mädchen aus einer weit entfernten Vergangenheit, das von seinen Eltern standesgemäß verheiratet wird, ohne dazu gefragt zu werden. Sie wäre vielmehr eine universelle Siebzehnjährige, die in Abhängigkeiten gerät und auf eine bestimmte Art und Weise darauf reagiert.“ (12).

Wie Spinnen dann im Folgenden die Heldinnen der Berliner Romane porträtiert, das ist geradezu atemberaubend modern. Die Poggenpuhls, Effi Briest, Cécile, Irrungen, Wirrungen, Stine, Frau Jenny Treibel, L’Adultera, Mathilde Möhring – das sind die Gegenstände von Spinnens „Familienaufstellung“ (101), die zu verblüffend neuen Erkenntnissen hinsichtlich der behandelten Themen führt:

  • Die Selbstbestimmung durch Arbeit (110 / Mathilde Möhring)
  • Das Sich-Verhalten des Individuums zum gesellschaftlichen Wandel (21 / Poggenpuhls)
  • Das Gefängnis des Kindseins (43 / Effi Briest)
  • Die Gesellschaft der Künstlichkeit (45 / Cécile)
  • Die sexuelle Ausbeutung der Frau durch den Mann, der Macht über sie hat (53 / Stine, Irrungen, Wirrungen)
  • Die Ausdifferenzierung eines neuen Mittelstandes (79 / Frau Jenny Treibel)

Die Auflistung der (absolut gegenwärtigen) Themen, die Spinnen in Fontanes Romanen ausmacht, ließe sich weiter fortsetzen. Doch die o. a. Hinweise reichen aus, um deutlich zu machen, wie er anlässlich des 200. Geburtstages des Altmeisters den brandenburgischen Groß-Autor von jedweder Klassiker-Entrücktheit befreit, wobei er die eigene Könnerschaft ganz der Fontanes unterordnet.

Insofern möchte ich dem Statement des WDR, das der Schöffling Verlag im Klappentext zitiert (U4), vorbehaltlos zustimmen: „Burkhard Spinnen spielt in einer eigenen Liga.“

 

ISBN 978-3-89561-048-6

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© Peter Cremer / 2019

1 || G. Carofiglio: Drei Uhr Morgens

Foto: Peter Cremer

Gianrico Carofiglio

Drei Uhr morgens

Folio Verlag

 

Lesen! Sofort! Dann weiterempfehlen! Literarisches Kleinod zu entdecken!
Carofiglio? Kennt man doch: Mafia, Mord, Staatsversagen. Diese düsteren Geschichten. Zusammen mit De Cataldo und Carlotto. Die Erben Sciascias. Lucarelli nicht zu vergessen. Bei Folio. Immer gut. Echte Aufklärer.

Und jetzt das: Schlaflos in Marseille. Vater und Sohn. Eine Krankheitsgeschichte, die die Geschichte einer Heilung ist. Dostojewski und Händel, Flaubert und Berlioz, Newton und Beethoven, Sokrates und van Gogh, alle diese Genies hatten mit dieser Krankheit zu kämpfen: Epilepsie.  Und Antonio auch. 18 Jahre alt, zur Behandlung in Marseille. Die Therapie: Schlafentzug. Wenn er für zwei Tage und zwei Nächte nicht schläft und während dieser Zeitspanne kein Krampf auftritt, dann ist die Krankheit besiegt.

Antonio und sein Vater, der Mathematikprofessor, der den Jazz liebt, der vor Jahren die Familie verlassen hat, von dem Antonio kaum etwas weiß, außer dass er unnahbar ist und eher kühl im Umgang. Antonio und sein Vater, schlaflos in Marseille. Eine éducation sentimentale in zwei mal 24 Stunden, eine lange Beichte, ein langes Gespräch, eine Initiation in die Liebe, eine Seelenerkundung, ein Stadtroman: Le Vieux Port, Chateau d’If, Quartier Panier, Les Calanques, Les Beurs, Notre Dame de la Garde. Auch ein Roman, der die Genialität eines Miles Davis erklärt und Louis Armstrongs Definition des Jazz erzählt: „Wenn du fragen musst, was Jazz ist, wirst du es nie wissen.“ (98). Und auch davon, wie es in schäbigen Sex-Shops zugeht oder davon, wie Don McLeans Ballade ‚American Pie‘ funktioniert. Zudem ein Roman über die Mathematik, die Liebe, das Altern und die Angst vor dem Tod.

Zuviel für einen so schmalen Roman? NEINNEINNEIN!! Augustinus Diktum über die Zeit kann vielleicht erklären,  was diesen Roman auszeichnet: „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es. Wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht.“ (117) – „In der dunklen Nacht der Seele ist es immer drei Uhr morgens.“ Das hat Scott Fitzgerald so geschrieben. Auch das der Versuch einer Erklärung für die Sogwirkung, die von Carofiglios Roman ausgeht.

Dieser kurze, dichte, prallvolle Roman ist ein Wunder! – Ab August 2019 in jeder gut sortierten Buchhandlung.

 

ISBN 978-3-85256-769-3

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© Peter Cremer / 2019

Über den Autor

Peter Cremer lebt, liest und schreibt in der Eifel.

Kurzbiografie

  • Studium Germanistik und Romanistik
  • Ausbildung zum Buchhändler
  • 11 Jahre 1. Sortimenter in Köln und Bergheim/Rheinland; dann Schuldienst
  • Seit fast 30 Jahren Lehrer am Joseph-DuMont-Berufskolleg in Köln
  • Bis zur Schließung im August 2019 verantwortlich für den Bildungsgang Buchhandel
  • Aktuell: Deutschlehrer in den Fachklassen der Medienberufe am JDB

Tätigkeiten

  • Autor im Bramann Verlag, Frankfurt
  • Buchhändlerische Expertise; zahlreiche Veranstaltungen zur Belletristik-Produktion (zuletzt als ‚Verstärkung‘ des Duos ›Gottschalk und Verstärkung‹)
  • Im ständigen Austausch über Bücher (alte und neue) mit den verschiedensten Menschen
  • Immer der Maxime Jean Pauls verpflichtet: Bücher lesen heißt: Wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne
  • Kurzzeitig Blogger (›Liesmichdoch.com‹, seit Juli 2019 nicht mehr online)
    seit 2020 auf Bramann.de unter ›Pete Cremer’s Corner‹.
Peter Cremer