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:Bramann – Verlag und Beratung
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60437 Frankfurt

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Eine Liebeserklärung an Buchhändler*innen

In Buchhandlungen sind alle Menschen von Texten um die gleiche Armlänge weit entfernt. Diese Besonderheit der Branche egalisiert so manche Unterschiede, wie die zwischen Angestellten und Inhabern oder die zwischen Kunden und Personal. Genau das macht Buchhandlungen zu einem gesellschaftlichen und politisch bedeutenden, zu einem genuin demokratischen Ort, an dem Buchhändler*innen kulturellen Content anbieten. >> Mehr Infos

Neuauflage lieferbar

Die fünfte Auflage der modernen Sortimentskunde, die im Titelzusatz zu Recht als ›Handbuch des Buchhandels‹ bezeichnet wird, bringt Struktur in die komplexen Zusammenhänge der Branche. Rundum erneuert, vor allem in den Kapiteln, die sich mit dem digitalen Berufsumfeld unserer Branche beschäftigen (Multi-Channeling, Webshop, VLB-TIX etc.), kommt sie frisch daher und macht Spaß beim Lesen, Lernen und Auffrischen bekannter Inhalte. >> Mehr Infos

 

 

»Der Handel mit Geistesprodukten wird immer ein Mittelding zwischen deinem persönlichen Geschmack und deiner Leidenschaft einerseits und dem Gefühl für eine gute Konjunktur andererseits sein.«
Ernst Rowohlt

Pete Cremer's Corner

Rezensionen und Kommentare aus der Eifel

Hier erscheinen ab Januar 2020 in loser Reihenfolge Rezensionen und Kommentare zu aktuellen Titeln aus Sachbuch und Belletristik.

Die Ausführungen spiegeln nicht in allen Einzelheiten die Auffassung des Verlags wider, werden jedoch gerne einer Online-Community zur Verfügung gestellt. Die Rechte liegen beim Autor, Peter Cremer.

5 || B. Bjerg: Serpentinen (2020)

Bov Bjerg
Serpentinen

Claassen

Schwieriger Einstieg. Drei Versuche. Normalerweise bin ich nicht so geduldig. Es gibt ja so viele andere Bücher, die gelesen werden wollen. Aber Auerhaus hat mich seinerzeit so sehr fasziniert, dass ich beim Nachfolger nicht gleich aufgeben will. Also: Hab‘ Geduld, Leser.

So nach und nach verstehe ich. Eine Reise, Vater und Sohn, Orte der Vergangenheit, Familiengeschichte, Gedanken- und Handlungssplitter. Das Ziel: Die Gegenwart verstehen, die Fehler der Vergangenheit nicht ein weiteres Mal wiederholen.

Kurvenreicher Erkenntnisweg. Serpentinen. Das dauert seine Zeit.

Viel Dialog. Kurze Beschreibungen. Parataxe. Fast schmucklos. Deshalb eindringlich. Das bleibt im Kopf. Der Roman wird zu einer langen Reiseerzählung ins Ich. Schonungslos. Erschreckend. Voller Gewalt. Verletzungen und Tod allgegenwärtig. Fast ein Mord. Ganz selten: heitere Momente.

Eine eindringliche Lektüre. Ein Roman, den ich mir erkämpfen muss. Anstrengend: ja. Die Lektüre: ein Bergaufstieg. Man gerät aus der Puste. Aber oben angekommen, ist der Ausblick phantastisch.

Ein Satz, den ich besonders mag: „Ich wusste immer bereits alles, doch ich vergaß es immer wieder neu.“ (S.255)

Bov Bjerg nimmt seine Leser mit auf eine sehr besondere Reise. Mitreisen lohnt sich.


ISBN 978-3-546-10003-8

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© Peter Cremer / Februar 2020

4 || S. Berg: GRM (2019)

Sibylle Berg
GRM

Kiepenheuer & Witsch

I.

Fragt M: Schon mal was von Sibylle Berg gelesen?

Sagt P: Das ist doch diese zerbrechlich schmale Frau mit den großen Augen, die so leise und eindringlich, scheinbar nach innen gewandt, provoziert? Hat die nicht erst letztens im Literarischen Quartett Norbert Scheuers schönen Roman Winterbienen in Grund und Boden kritisiert?

Fragt M: Was hat denn das mit meiner Frage zu tun?

Sagt P: Nix. Fiel mir nur so ein. Nee. Nie was von der gelesen. Die ist mir zu klug. Zu unheimlich. Weiß auch nicht.

Sagt M: Ist ein Fehler. Lies mal GRM.

Fragt P: Dieses Teil, das im Untertitel Brainfuck heißt? Und das den Schweizer Buchpreis 2019 bekommen hat? Nee. Keine Lust.

II.

Dann im Januar auf 3sat der Literaturclub des Schweizer Fernsehens. In dem Elke Heidenreich (sinngemäß) sagte, sie mag solche Bücher eher nicht. Aber dass sie sehr froh darüber ist, Bergs Buch nun doch für die Sendung gelesen zu haben. Das sei wie eine Granate gewesen, die sie verschluckt habe und die dann in ihr explodiert sei. Ein Ziegelstein, sagt Milo Rau in derselben Sendung. Und Nicola Steiner pflichtet ihm bei: Definitiv ein Buch, das bleiben wird. Eines, das unsere Zeit erzählt. Und dann liest der Schauspieler Thomas Sarbacher ein kurzes Stück ausdem Anfang. Ich halte den Atem an. Mein Gott! Das muss ich lesen!

III.

Der Ziegelstein liegt auf meinem Schreibtisch. 635 Seiten. Schon in der 7. Auflage. Und dabei ist das Buch noch nicht einmal ein Jahr auf dem Markt. Ich bin spät dran mit meiner Lesearbeit. Doch besser spät als nie. Und ich lese tatsächlich einen Roman, der wie eine Bombe ist. Lesen führt zu Explosionen. Im Kopf. Da hilft kein Kampfmittelräumdienst. Da muss man durch. Das ist nicht schön. Das schmerzt. Das ist wahr. Das tröstet nicht. Das ist die Welt. Unsere Welt. Und Sibylle Berg schreibt sie. Gnadenlos. Gut. Niemals zynisch, wie Elke Heidenreich meinte, aber sarkastisch. Ja, ich gestehe es gern: Gelacht habe ich auch. Oft. So ist das mit dem Grotesken. Man lacht. Aber das Lachen droht einem im Hals stecken
zu bleiben.

IV.

„Fucking Rochdale. Ein Ort, den man ausstopfen und als Warnung vor unmotivierter Bautätigkeit in ein Museum stellen müsste.“ (S.8) „Tod. Ein Zustand wie vor der Geburt.“ (S.87) „Entscheidungen sind die Illusion, Macht zu haben.“ (S.105) „Ein Reality-Star war Präsident in Amerika geworden.“ (S.184) „Sterbehilfe war verboten … Von Morgen an biss die alte Frau ihre Kiefer, Zähne waren da keine mehr.“ (S.186) Die Geschichte von Hannah, Peter, Karen und Don. Willkommen in der Welt von GRM. 


ISBN 978-3-85256-769-3

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© Peter Cremer / Januar 2020

3 || M. Brandt: Blackbird || J. Brandt: Ein Haus auf dem Land (2019)

Matthias Brandt 
Blackbird

Kiepenheuer & Witsch

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Jan Brandt
Ein Haus auf dem Land – Eine Wohnung in der Stadt

Dumont Literaturverlag

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Matthias und Jan: nicht verwandt, nicht verschwägert oder sonstwie verbunden! Nur der Nachname gemeinsam. Und: 2 Neuerscheinungen im Sommer 2019. Eigentlich 3. Aber dazu später. Romane, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide großartig. Obwohl …

Die elitäre Literaturkritik ist da a priori (vielleicht ohne genauer gelesen zu haben, wer weiß?) dezidiert anderer Meinung. So schreibt etwa Sigrid Löffler im Börsenblatt (24-2019): „Der Populismus hat das Buchgeschäft erreicht. Ich glaube, dass diese Käuferstudie (gemeint: Quo vadis, 2018) den Verlagen in die Knochen gefahren ist. Und sie jetzt panisch versuchen, irgendwelche Strategien zu entwickeln, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Buch zu lenken; das tun sie nicht mit literarischen Mitteln … das taktische Kalkül ist erkennbar, man will schmarotzen bei der literaturfernen Prominenz.“ Der FAZ-Literaturredakteur Jan (!) Wiele meint: „Die Verlage sollten sich schämen.“ Der Kölner Literurhändler Klaus Bittner ist sehr viel entspannter: „Da gibt es Schlimmeres, worüber ich mich aufregen würde.“ Und Jörg Magenau meint: „Wenn man auf prominente Namen setzt, ist das so eine Marketingnummer. Aber wenn es funktioniert? Ich habe da nichts dagegen.“

Könnte es aber nicht auch sein, dass der Roman von Matthias Brandt gerade deshalb funktioniert, weil es ein ganz und gar gelungenes literarisches Kunstwerk ist? Geschrieben von einer (eher selten gewordenen) Mehrfachbegabung: großer Schauspieler, hervorragender Autor?! Man stelle sich vor, er wäre auch noch ein ausgezeichneter Zeichner. Nicht auszudenken! Wäre das dann immer noch nur ein Marketing-Gag, ein Armin- Müller-Stahl-Defekt? – Unsinn, diese ganze Debatte! „Raumpatrouille“ war vielleicht noch Fingerübung? „Blackbird“ ist überzeugend erzähltes Erwachsenwerden. Von einem, der Sprache zu sprechen, zu schreiben weiß, der Wörter zu Bildern formen kann, die einem im Gedächtnis haften bleiben.

Die Straße, die Schule, die Lehrer, die Kinderfreundschaften, die Scheidung der Eltern, das Essen und die Gerüche, enge Wohnungen, der Umzug, die Liebe – die der Erwachsenen und die der Heranwachsenden – Jacqueline, die Unerreichbare, die kleine Steffi, die dann später die richtige Musik auf dem Kassettenrecorder abspielt … Bowie, Talking Heads, Mike Oldfield und Pink Floyd, Al Stewart und America, The year oft the cat und A horse with no name, diese Mädchenmusik, die Bogi so sehr liebte, Bogi, der eigentlich Manfred heißt (wie können Eltern ihr Kind nur so nennen?) und Morton, der von allen nur Motte gerufen wird … und der erzählt diesen wunderbaren Roman. Und weil unser aller Leben scheissenochmal endlich ist, muss auch vom Tod erzählt werden, und von der Leere, die er hinterlässt, nicht nur bei Begräbnissen, sondern überhaupt!

Und alles das kann der Autor Matthias Brandt und mit ihm sein Erzähler Motte zu Papier bringen, und wie! Man lese: Kapitel 17/Beerdigung, S. 252 ff.

Und der Namensvetter aus Ostfriesland? Wieso hat der gleich 2 Romane geschrieben und die dann in 1 Buch gepackt. Kann man so herum oder anders herum lesen. Verrückt. Und diese Fotos. Sind das überhaupt 2 Romane? Und was soll das mit den Fotos? Viele sogar ganz schön bunt. Sogar eines von Jan Brandt selbst: Porträt des Künstlers als junger Mann. (Stadtbuch, S. 153) – Hat einer den Verriss in der Kulturzeit in 3sat mitbekommen, von dieser FAZ-Rezensentin: unentschlossen, Dokumentation, zu lang, Fallstudie … jedenfalls kein Roman (nein, eben 2!, rufe ich ins Fernsehbild). In jedem Fall: misslungen, sagt sie, die Kulturtante.

Was für ein Quatsch! Jan Brandt sucht eine Wohnung (in Berlin): ein langer kafkaesker Albtraum. Jan Brandt möchte das Haus seines Urgroßvaters in Ihrhove (nicht weit von Leer) kaufen. Auch das ein Albtraum, aber weniger kafkaesk, eher sehr traurig, wegen der vielen Erinnerungen und der vielen Leute, die man noch von früher kennt, die jetzt bei der Bank arbeiten und einem keine Kredite vermitteln können, so von wegen der Sicherheiten und so. Andere sind Erzieher geworden, wieder andere Makler, nur Jans Bruder, der hilft, und die alten Eltern sowieso, aber das mit dem Hauskauf, das wird irgendwie nichts.

Zwei autobiographische Selbstversuche. Zwei Romane über das wirkliche Leben außerhalb von Romanen. Aber eben als Romane! Da liest man immer weiter, ist verzweifelt, lacht sich schlapp, wird wütend, hofft, ärgert sich, fiebert mit, steht Schlange bei den Wohnungs-Besichtigungen, kalkuliert Preise, schreibt Bewerbungsmappen (für Wohnungen!!), wird vertröstet … Sie hören ganz sicher von mir! – Und nie wieder hört man was. Albtraum eben!

Ja, und dann ist da noch das eine Kapitel im „Haus-Roman“. In dem träumt sich Jan Brandt weg durch die Jahrzehnte. Er ist gerade in den USA und besucht die Hinterlassenschaften des Bruders vom Urgroßvater, „legte eine Hand an die Steine und dachte an die Zeit zurück, als es (das Haus) gebaut wurde und schließlich dastand, wo es seitdem stand.“ (S.70) – und das wird dann über 30 Seiten lang zu assoziativer Weltgeschichtsprosa (S. 70 ff.) … und gehört mit zum Besten, was deutschsprachige Prosa in den letzten Jahren hervorgebracht hat!

Jan Brandt und Matthias Brandt: nicht verwandt, nicht verschwägert oder sonstwie verbunden. Beide haben sehr persönliche Erinnerungsbücher geschrieben, von denen eines sogar zwei in einem ist … Was Literatur alles kann: Lesen Sie doch mal selbst!

Matthias Brandt: ISBN 978-3-462-05313-5
Jan Brandt: ISBN 978-3-8321-8356-1

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© Peter Cremer, 2019

2 || B. Spinnen: Und alles ohne Liebe (2019)

Burkhard Spinnen
Und alles ohne Liebe

Schöffling & Co.

Von wegen ‚Und alles ohne Liebe‘! – Hier spricht ein Liebender; einer der besten und klügsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur; einer, der sich um Haaresbreite mit einer Arbeit über Fontane habilitiert hätte; einer, der dann doch Literat wurde und auf eine akademische Karriere verzichtete. – Und der doch hin und wieder seine literaturwissenschaftliche Leidenschaft aufblitzen lässt. Gott sei Dank! Denn das tut er völlig ohne Dünkel, professorales Gehabe, Fußnoten-Verliebtheit oder Zitierwut.

Spinnen setzt sich zum Ziel, Fontane – besser: die Frauengestalten der Berliner Romane – in ein neues, aktuelles, also gegenwärtiges Licht zu rücken. Und dabei die Sündenfälle der Oberstufendidaktik vergessen zu machen, die viele Leser wohl noch schmerzhaft erinnern werden.

„Offenbar war es dem Deutschunterricht nicht gelungen, Schülern des beginnenden 21. Jahrhunderts einen lebendigen Zugang zu [Fontanes Romanen] des späten 19. Jahrhunderts zu gewährleisten … In der Schule werden Fontanes Romane in kleine und kleinste Leseeinheiten zerschnitten, bis das Wesentliche des Textes gar nicht mehr erkennbar ist (10) … Der Richtungsanzeiger der Lektüre müsste von ‚Distanzierung‘ auf ‚Aneignung‘ gestellt werden. Effi wäre dann nicht das siebzehnjährige Mädchen aus einer weit entfernten Vergangenheit, das von seinen Eltern standesgemäß verheiratet wird, ohne dazu gefragt zu werden. Sie wäre vielmehr eine universelle Siebzehnjährige, die in Abhängigkeiten gerät und auf eine bestimmte Art und Weise darauf reagiert.“ (12).

Wie Spinnen dann im Folgenden die Heldinnen der Berliner Romane porträtiert, das ist geradezu atemberaubend modern. Die Poggenpuhls, Effi Briest, Cécile, Irrungen, Wirrungen, Stine, Frau Jenny Treibel, L’Adultera, Mathilde Möhring – das sind die Gegenstände von Spinnens „Familienaufstellung“ (101), die zu verblüffend neuen Erkenntnissen hinsichtlich der behandelten Themen führt:

  • Die Selbstbestimmung durch Arbeit (110 / Mathilde Möhring)
  • Das Sich-Verhalten des Individuums zum gesellschaftlichen Wandel (21 / Poggenpuhls)
  • Das Gefängnis des Kindseins (43 / Effi Briest)
  • Die Gesellschaft der Künstlichkeit (45 / Cécile)
  • Die sexuelle Ausbeutung der Frau durch den Mann, der Macht über sie hat (53 / Stine, Irrungen, Wirrungen)
  • Die Ausdifferenzierung eines neuen Mittelstandes (79 / Frau Jenny Treibel)

Die Auflistung der (absolut gegenwärtigen) Themen, die Spinnen in Fontanes Romanen ausmacht, ließe sich weiter fortsetzen. Doch die o. a. Hinweise reichen aus, um deutlich zu machen, wie er anlässlich des 200. Geburtstages des Altmeisters den brandenburgischen Groß-Autor von jedweder Klassiker-Entrücktheit befreit, wobei er die eigene Könnerschaft ganz der Fontanes unterordnet.

Insofern möchte ich dem Statement des WDR, das der Schöffling Verlag im Klappentext zitiert (U4), vorbehaltlos zustimmen: „Burkhard Spinnen spielt in einer eigenen Liga.“

ISBN 978-3-89561-048-6

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© Peter Cremer / 2019

1 || G. Carofiglio: Drei Uhr Morgens (2019)

Gianrico Carofiglio
Drei Uhr morgens

Folio Verlag

Lesen! Sofort! Dann weiterempfehlen! Literarisches Kleinod zu entdecken!
Carofiglio? Kennt man doch: Mafia, Mord, Staatsversagen. Diese düsteren Geschichten. Zusammen mit De Cataldo und Carlotto. Die Erben Sciascias. Lucarelli nicht zu vergessen. Bei Folio. Immer gut. Echte Aufklärer.

Und jetzt das: Schlaflos in Marseille. Vater und Sohn. Eine Krankheitsgeschichte, die die Geschichte einer Heilung ist. Dostojewski und Händel, Flaubert und Berlioz, Newton und Beethoven, Sokrates und van Gogh, alle diese Genies hatten mit dieser Krankheit zu kämpfen: Epilepsie.  Und Antonio auch. 18 Jahre alt, zur Behandlung in Marseille. Die Therapie: Schlafentzug. Wenn er für zwei Tage und zwei Nächte nicht schläft und während dieser Zeitspanne kein Krampf auftritt, dann ist die Krankheit besiegt.

Antonio und sein Vater, der Mathematikprofessor, der den Jazz liebt, der vor Jahren die Familie verlassen hat, von dem Antonio kaum etwas weiß, außer dass er unnahbar ist und eher kühl im Umgang. Antonio und sein Vater, schlaflos in Marseille. Eine éducation sentimentale in zwei mal 24 Stunden, eine lange Beichte, ein langes Gespräch, eine Initiation in die Liebe, eine Seelenerkundung, ein Stadtroman: Le Vieux Port, Chateau d’If, Quartier Panier, Les Calanques, Les Beurs, Notre Dame de la Garde. Auch ein Roman, der die Genialität eines Miles Davis erklärt und Louis Armstrongs Definition des Jazz erzählt: „Wenn du fragen musst, was Jazz ist, wirst du es nie wissen.“ (98). Und auch davon, wie es in schäbigen Sex-Shops zugeht oder davon, wie Don McLeans Ballade ‚American Pie‘ funktioniert. Zudem ein Roman über die Mathematik, die Liebe, das Altern und die Angst vor dem Tod.

Zuviel für einen so schmalen Roman? NEINNEINNEIN!! Augustinus Diktum über die Zeit kann vielleicht erklären,  was diesen Roman auszeichnet: „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es. Wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht.“ (117) – „In der dunklen Nacht der Seele ist es immer drei Uhr morgens.“ Das hat Scott Fitzgerald so geschrieben. Auch das der Versuch einer Erklärung für die Sogwirkung, die von Carofiglios Roman ausgeht.

Dieser kurze, dichte, prallvolle Roman ist ein Wunder! – Ab August 2019 in jeder gut sortierten Buchhandlung.

ISBN 978-3-85256-769-3

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© Peter Cremer / 2019

Über den Autor

Peter Cremer lebt, liest und schreibt in der Eifel.

Kurzbiografie

  • Studium Germanistik und Romanistik
  • Ausbildung zum Buchhändler
  • 11 Jahre 1. Sortimenter in Köln und Bergheim/Rheinland; dann Schuldienst
  • Seit fast 30 Jahren Lehrer am Joseph-DuMont-Berufskolleg in Köln
  • Bis zur Schließung im August 2019 verantwortlich für den Bildungsgang Buchhandel
  • Aktuell: Deutschlehrer in den Fachklassen der Medienberufe am JDB

Tätigkeiten

  • Autor im Bramann Verlag, Frankfurt
  • Buchhändlerische Expertise; zahlreiche Veranstaltungen zur Belletristik-Produktion (zuletzt als ‚Verstärkung‘ des Duos ›Gottschalk und Verstärkung‹)
  • Im ständigen Austausch über Bücher (alte und neue) mit den verschiedensten Menschen
  • Immer der Maxime Jean Pauls verpflichtet: Bücher lesen heißt: Wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne
  • Kurzzeitig Blogger (›Liesmichdoch.com‹, seit Juli 2019 nicht mehr online)
    seit 2020 auf Bramann.de unter ›Pete Cremer’s Corner‹.
Peter Cremer